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“Ich glaube, das Prinzip des Œwho-done-it¹ ist eine dumme Art, sich einen Spaß mit Leuten zu erlauben". Patricia Highsmith hat sich nie besonders für klassische Detektiv- und Kriminalromane interessiert. Obwohl sie lange Zeit als “Krimiautorin", als “Lady of Crime" klassifiziert wurde, ihre Bücher als unterhaltende Spannungsliteratur wahrgenommen wurden, der überwiegende Teil ihres Werkes widmet sich etwas Anderem: Es geht um das Böse, das Chaos, die Amoralität, es geht um den Einbruch des Grauens und des Grotesken in den Alltag. Die berühmteste Personifizierung des Teuflischen ist ihr Tom Ripley, der in fünf ihrer insgesamt 22 veröffentlichten Büchern die Hauptrolle spielt und mit dem sie sich, folgt man der ersten, großen Biografie von Andrew Wilson, zeitweise sogar identifizierte.
Auf über 700 Seiten zeichnet der englische Journalist das Leben dieser schwierigen und vielschichtigen Persönlichkeit nach - ein Leben, in dem es nur wenige Glücksmomente gegeben haben soll. Folgt man Wilson, so stand Highsmith fast ihr ganzes Leben im Schatten ihrer Mutter, zu der sie eine äußerst hasserfüllte Beziehung unterhielt, aber auch im Schatten ihrer vielen unglücklichen Liebesbeziehungen zu Frauen. Das Patricia Highsmith lesbisch war, galt lange als offenes Geheimnis. Darüber gesprochen hat sie in der Öffentlichkeit fast nie. Überhaupt hat sie die Öffentlichkeit gescheut. Je berühmter sie wurde, desto mehr zog sie sich zurück. Wilson hat nun als einer der ersten Einblick in ihren umfangreichen und unveröffentlichten Nachlass erhalten.
Neben den Tage- und Notzibüchern, letztere von Highsmith ŒCahiers¹ genannt, in denen sie ihre Ideen, Beobachtungen, Erfahrungen, aber auch Zeitungsausschnitte erfasste, konnte Wilson auch auf ihren Briefwechsel sowie auf viele Freundinnen, Freunde, Bekannte und Wegbegleiter von Patricia Highsmith zurückgreifen, die ihm für Interviews oder schriftliche Auskünfte zur Verfügung standen. Etwa vier Jahre dürfte Wilson an seiner umfangreichen Biografie gearbeitet haben. Dementsprechend umfangreich ist das Material, das der Journalist zu sichten und zu bewerten hatte. Mit vielen Details zeichnet er den Lebensweg der amerikanischen Autorin nach und versucht, Werk und Leben auch immer in den persönlichen und historischen Kontext einzuordnen. Eine Aufgabe - dies sei vorweg gesagt - die ihm nicht immer gelungen ist.
Ausführlich widmet sich Wilson zum Beispiel der Kindheit Highsmiths im rauhen Texas. Belegt ist etwa die versuchte Abtreibung durch ihrer Mutter Mary Coates. Als die junge Frau schwanger mit Patrica war trank sie Terpentin, um die Schwangerschaft zu beenden. Der Versuch misslang und Mary Coates trennte sich neun Tage vor der Geburt von Patricia von ihrem Mann Jay Bernard Plangman. Kein glücklicher Start ins Leben, das schon in den ersten Jahren geprägt war von den Streitigkeiten ihrer Mutter mit ihrem zweiten Mann, Stanley Highsmith. Ihr Stiefvater - so scheint es - stand schon in früher Kindheit zwischen Patricia und ihrer Mutter. Entsprechend wechselvoll waren ihre Kinder- und Jugendjahre, die Patricia einerseits bei ihren Großeltern in Fort Worth, ihrem Geburtsort, aber auch in New York bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater verbrachte. Sie selber hat diese Zeit als “Kinderhölle" beschrieben. Schon früh begann sich Patricia mit Psychologie zu beschäftigten, mit acht Jahren las sie Karl A. Menninigers “The Human Mind", ein Bericht über “abweichendes" Verhalten wie Kleptomanie, Schizophrenie oder Pyromanie. Sie sei ein sehr “erwachsenes" Kind gewesen, erinnert sich Patricia Highsmith später.
Mit Beginn der Adoleszenz entdeckt Pat, wie sie von ihren Freundinnen und Freunden genannt wurde, ihre lesbische Sexualität. Ein weiterer Konflikt mit ihrer Mutter tat sich auf. Mary Coates machte sich Sorgen um ihre Tochter, da sie sich anders als ihre Schulfreundinnen benahm. Mary, eine Anhängerin der “Christlichen Wissenschaft", sah das Glück ihrer Tochter in Ehe und Kindern - eine Erwartung, die Patricia nicht erfüllen sollte. Statt dessen flüchtete sich Pat in die Literatur, las viel, darunter Dostojewskij, Wilkie Colins und den amerkanisch-französischen Autor Julien Green. Sie begann auch selbst zu schreiben und veröffentlichte erste Geschichten im “Barnard Quaterly", der Studentenzeitschrift ihres College. Schließlich waren da auch noch ihre Liebesbeziehungen zu Frauen, oft kurzweilig und von extremen Gefühlsschwankungen begleitet. Wilson stellt das Sexleben der Autorin ausführlich und respektvoll dar. Akribisch verzeichnet er fast jede Frau und auch die wenigen Männer, mit denen Pat im Bett gelandet ist. Details finden sich nicht, dafür aber die psychologischen und körperlichen Folgen, die jede Trennung und jedes neue Verliebtsein für die Autorin nach sich zogen.
So wichtig manche dieser Beziehungen für Highsmith und ihr Werk waren - etwa zu der Soziologin Ellen Hill, mit der sie fast lebenslang eine enge Hassliebe verband - weniger wäre hier sicher mehr gewesen. Oft gleitet Wilson in ein reines Aufzählen ab und da Patricia Highsmith in ihren jungen Jahren ein promiskuitives Sexleben führte, erstreckt sich dies über so manche Seite. Wesentlich entscheidender und wünschenswerter wäre eine ausführlichere Darstellung der Situation von Homosexuellen in den 40er und 50er Jahren gewesen. Zwar behandelt er ausführlich den zweiten, veröffentlichten Roman “The Prince of Salt" (erstmals 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan erschienen, später in Deutsch unter dem Titel “Carol"), eine lesbische Liebesbeziehung mit einem positiven Ende, dennoch erfährt man wenig über die soziologischen und historischen Hintergründe. Generell geht Wilson sehr vorsichtig mit Highsmiths Homosexualität um, er stellt sie dar, versäumt es aber, diesen wichtigen Ansatz zur Werkdeutung zu unterstreichen. Zweifelsohne ist die zum Teil verborgene Homosexualität, die Highsmith zwar ausgelebt, aber selten darüber gesprochen hat, der Zwang zur Maskerade, das Gefühl, eine nicht konforme Sexualität zu haben, einer der wichtigsten Schlüssel zu ihrem Werk.
Womit wir bei Wilsons Werkdarstellung wären. Auch hier zeigt er sich detailverliebt. Jedes wichtige Buch - angefangen bei ihrem Romandebüt “Strangers on a Train" (1950) bis hin zu ihrem letzten Roman “Small g" (1995), der kurz nach Highsmiths Tod veröffentlicht wurde - wird von Wilson kurz inhaltlich vorgestellt und in den biografischen Kontext eingeordnet. Eine Analyse findet jedoch kaum statt. Wilson lässt lieber Lektoren, Verleger und Kritiker zu Wort kommen, die meisten davon Zeitgenossen. Dies erschwert nicht nur einen zeitlich distanzierten Blick auf Highsmiths Schaffen, Wilson spürt auch nur bruchstückhaft der Frage nach, warum ihr Werk in Europa wesentlich positiver und differenzierter wahrgenommen wurde, als in Highsmiths Herkunftsland, den USA.
Immer wieder hat Highsmith sich kritisch zur Außenpolitik ihrer Heimat geäußert. In ihren Jugendjahren hat sie sich mit dem Kommunismus beschäftigt, sah sich später als eine “Sozialdemokratin". Engagiert zeigte sie sich in der Diskussion über den Nahostkonflikt, allerdings gab es auch rassistische und antisemitsche Ausfälle von ihr. Wilson verzeichnet dies alles, zieht aber nur selten Schlussfolgerungen. Wilson belässt es dabei, dass die Bücher von Highsmith vor allem wegen ihre Amoralität bei den konservativen Lesern in Amerika keinen Anklang fanden. Entscheidender ist jedoch die versteckte Kritik an der Politik ihres Heimatlandes, die sich zum Beispiel in der zentralen Figur des Werkes, Tom Ripley, kristallisiert. Ein kanadischer Kritiker wies mit Recht darauf hin, dass Ripley durchaus als Allegorie auf den amerikanischen Imperialismus verstanden werden kann. Der Gedanke, sich diesen allglatten, lächelnden und kaltblütigen Mörder, der in das Leben fremder Menschen eindringt, ihre Identität vereinnahmt und sie schließlich tötet, als lachenden Onkel Sam vorzustellen, der fremde Länder bezwingt und sie nach seinem Gusto formt, stellt einen interessanten und dazu noch recht aktuellen Deutungsansatz dar, der jedoch bei Wilson völlig fehlt.
Somit ist Wilson leider nur ein beflissener und ehrfurchtsvoller Chronist, der in seiner Biografie Belanglosigkeiten neben wichtige Aspekte stellt. Sein leidenschaftsloser, monotoner Stil führt dazu, dass nur selten ein tieferes und ausgefeilteres Bild der Autorin entsteht. Dies ist um so bedauerlicher, da es Wilson, aufgrund seiner zweifelsohne gründlichen Kenntnisse, in der Hand gehabt hätte, ein kluges und aufschlussreiches Portrait zu zeichen. Der Faszination und der Bedeutung von Patricia Highsmith und ihrem Werk wird Wilson selten gerecht - jedes Nachwort von Paul Ingendaay in der neuen, von ihm und Anna von Planta herausgegeben Werkedition im Diogenes-Verlag, ist da hilfreicher und zudem schneller zu lesen. Wilson hingegen hat es nicht geschafft, sich vom Material zu lösen, zu eng bleibt er den vielen, oft widersprüchlichen Aussagen von Patricia Highsmith und ihren Wegbegleitern verhaftet, berichtet nur, wo er hätte analysieren und kommentieren können.
Ärgerlicher wird dies alles noch durch die schlampige Edition der deutschen Übersetzung. Ein Fehler wie auf Seite 16 (“... ist Tom Ripley ..., der in zweiundzwanzig ihrer Romane die Hauptrolle spielt") sowie das im Vergleich zur englischen Ausgabe stark gekürzte Register sind unverzeihlich. Wenn überhaupt, dann sei zur Lektüre die englische Originalausgabe empfohlen.
Andrew Wilson : Schöner Schatten. (Beautiful Shadow. A Life of Patricia Highsmith, 2003). Das Leben der Patricia Highsmith. Aus dem Englischen Anette Grube und Susanne Röckel. Deutsche Erstausgabe. Berlin: Berlin-Verlag, 2003, gebunden mit Schutzumschlag, 746 S., 36.00 (D).
© Ludger Menke, 2003