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Mordshunger

Über den Roman »Saltimbocca« von Bernhard Jaumann

 

Saltimbocca Krimis über Krimischreiber geraten schnell in den Verdacht, etwas Grundsätzliches zum Thema kundzutun und mutieren schnell zu einer Art “Metakrimi". Ähnliches lässt sich auch bei dem diesjährigen “Glauser"-Preisträger Bernhard Jaumann vermuten, der mit seinem Roman “Saltimbocca" ein literarisches Experiment wagen wollte. Der klassische Whodunit, mit seinen strengen Regeln und Erzählstrukturen, verführt reihenweise Autoren zum Spiel mit dem Genre. In jüngster Vergangenheit waren es allerdings oft Autoren, wie zum Beispiel Thomas Hettche mit seinem “Der Fall Arbogast", die ansonsten mit den Niederungen des literarischen Verbrechens wenig am Hut haben. Bei Jaumann ist das anders: Der gebürtige Augsburger hat bereits vier Kriminalromane veröffentlicht und dürfte somit die Gefahren eines solchen Wagnisses kennen.

Mutig erzählt Jaumann auf zwei Ebenen: Da ist zunächst eine simple Detektivgeschichte, angesiedelt in Rom. Bruno Brunetti beschattet in der heiligen Stadt einen geheimnisvollen Restaurantkritiker, der kurze Zeit später zerstückelt aufgefunden wird. Natürlich will Brunetti den Mörder finden und die Spuren führen ihn in die Trattoria “Pallotta". In der traditionsreichen Gaststätte schwingt der Wirt Gianfranco Pallotta den Kochlöffel, es gibt ein illustres Grüppchen von Stammgästen und zudem ist die Wirtstochter Barbara die auserwählte Herzensdame unseres Detektivs Brunetti. Für Verwicklungen ist also gesorgt, zumal Pallotta in den Verdacht gerät, am Tod des Restaurantkritikers nicht unschuldig zu sein.

In eben jener Trattoria ist auch der zweite, vermeintlich “reale" Erzählstrang angesiedelt. In dem Restaurant hat sich ein mittelmäßiger und mittelloser Krimischreiber als Stammgast eingenistet. Es ist eben jener Autor, ein Ich-Erzähler, der gerade die Brunetti-Geschichte niederschreibt. Um kostenlos vom Wirt Pallotta beköstigt zu werden, verspricht er ihm, seine Gaststätte prominent in dem entstehenden Krimi darzustellen. Wie es sich für ein literarisches Experiment gehört, vermengt sich die reine mit der angeblichen Fiktion: Als in der Trattoria ein Giftanschlag mit Strychnin ausgeführt wird, bekommt es der Ich-Erzähler mit der Angst zu tun. Hat jemand seinen halbfertigen Kriminalroman gelesen und seine Mordphantasien als Anleitung für einen echten Mord benutzt?

Selbstmitleid statt Auseinandersetzung

Keine Frage: Dies alles ist auf den ersten Blick schön komponiert, mit Witz beschrieben und sicherlich auch eine Liebeserklärung an Rom und an die italienische Küche. Überhaupt wird in diesem Buch ständig gegessen. Ein nahrhafte und trotzdem leicht verdauliche Lektüre könnte man meinen - wären da nicht die gelegentlich eingeschobenen Reflexionen des Ich-Erzählers über den Kriminalroman. Jaumann lässt ihn über Krimis und Krimileser schwadronieren, das einem die Tränen kommen. Da werden Seitenhiebe auf Donna Leon ausgeteilt, die ihren Brunetti (welch simple Ironie) in “holprigen Dialogen" sprechen lässt und eine “einfallslose Story" abliefert. Da werden Vergleiche zwischen Fastfoodjunkies und Krimilesern hergestellt, die einen Krimi verschlingen wie einen “McDonald¹s-BigMac". Jaumanns Ich-Erzähler will endlich etwas “Besonderes" schreiben: “Er (der Krimi) sollte nicht von ein paar Fastfoodjunkies hinabgeschlugen, sondern so gelesen werden, wie jemand, der über einigermaßen funktionierende Geschmacksnerven verfügt..."

Auch wenn Jaumanns Krimikritik durchaus berechtigt ist, auch wenn er sie geschickt im Mantel der Ironie verkleidet, so bleibt sie doch oberflächlich. An einigen Stellen klingt sie sogar eher nach Selbstmitleid als nach echter Auseinandersetzung. Die Vergleiche und die Kritikpunkte, die er anführt, sind außerdem nicht neu. Das der deutsche Krimileser Politik und verjährte Skandale scheut, wie es Jaumann seinen Ich-Erzähler behaupten lässt, mag ja für einen ambitionierten Schreibtischtäter beklagenswert sein. Ob dies so allgemein gesprochen richtig ist, soll dahingestellt bleiben. Aber: Wo bleibt die Selbstkritik des Autors? Hätte er sich umgeschaut, hätte durchaus (deutschsprachige) Kolleg/innen entdecken können, die solche Themen dem Krimileser schmackhaft machen, es kommt eben auf das Wie an.

Langweilige Krimikost

Gerade beim Wie scheitert aber Jaumanns Experiment: Zu sehr bleibt seine Kritik der konventionellen Erzählform des Krimis verhaftet, zu blass und zu leise kommt sie daher. Das Spannungselement, immer noch ein Grundbestandteil eines guten Kriminalromans, gelingt Jaumann so gut wie gar nicht. Die seitenweise Aufzählung von Speisefolgen oder konstruierte, künstlich wirkende Charaktere tragen nicht gerade dazu bei, dem Roman Dramatik zu verleihen.

So bleibt Jaumanns “Saltimbocca" langweilige Krimikost, die mit ziemlich vielen Geschmacksverstärkern angereichert wurde. Man kann sie verzehren, doch ein Sättigungsgefühl will sich nicht so recht einstellen, ebenso wenig ein bleibender Nachgeschmack. Den Mordshunger eines Krimilesers kann Jaumann nicht stillen. 

"Saltimbocca" wurde im März 2003 für den Friedrich-Glauser-Krimipreis nominiert und gewann den Preis in der Kategorie Roman.

 

Bernhard Jaumann : Saltimbocca. Kriminalroman. Originalausgabe. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002, 265 S., 7.95 Euro (D)

 

© Ludger Menke, 2003

 

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