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Håkan Nesser

 

Die Maardam-Cops

 

Der Schwedenkrimi scheint sich in der deutschen Rezeption fast schon den Rang eines Subgenres erobert zu haben. Doch nicht unter jedem Deckel, auf dem Schwedenkrimi steht, findet sich ein Kurt Wallander - und das ist gut so. Die Hauptfigur in den Kriminalromanen von Håkan Nesser heißt Kommissar Van Veeteren, und auf den ersten Blick hat sie durchaus viel gemein mit Mankells Kurt Wallander: Beide Figuren sind ungefähr gleich alt (wie übrigens auch die beiden Autoren), sie sind Eigenbrötler und führen ein problematisches Privatleben - nach gescheiterten Ehen leben sie allein, die Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern ist gestört. Wie Henning Mankell führt auch Håkan Nesser seine Hauptfigur als Kulturmenschen vor: Wallander und Van Veeteren lieben klassische Musik (ein Topos, den sie mit vielen Kriminalbeamten teilen). Nessers Figur ist obendrein Liebhaber guten Essens und erlesener Weine und spielt in seiner Freizeit gerne Schach. Man sieht: Eine Denkerfalte braucht Håkan Nesser seinem Kommissar gar nicht mehr anzudichten, die Reflexion hat sich bereits in seine Züge eingeschrieben.

Weder Wallander noch Van Veeteren sind Supercops, sondern beide Polizisten verbeißen sich in ihre Fälle und lösen sie aufgrund ihrer Hartnäckigkeit. Was Sibylle Haseke für Håkan Nesser konstatiert, gilt genauso für Henning Mankell: "Hier gibt es keine Polizei-High-Tech-Zentrale voller cooler und adrett aussehender Beamter, die ständig Herr der Lage sind und gerne auch mal ein bisschen zu viel schießen". (1). Entsprechend ist der Erzählrhythmus der Romane nicht schnell und auf action angelegt, sondern langsam und reflexiv. Das Motiv der Tat spielt eine übergeordnete Rolle vor der Frage, wer der Täter ist.

Die Ähnlichkeit der Figuren bedingt eine gewisse Ähnlichkeit in der Anlage der Geschichten. Trotzdem funktionieren die Romane Håkan Nessers anders als die Texte Henning Mankells. Ein gewichtiger Unterschied ist augenscheinlich: Kurt Wallander ist Polizist in Ystad, Schweden. Selbst wenn Sie nicht genau wissen, wo das liegt, können Sie das in jedem Atlas nachschlagen. Kommissar Van Veeteren ist Beamter in dem Küstenstädtchen Maardam, und das liegt - irgendwo in Europa. Straßen-, Orts- und Personennamen und die Landschaftsbeschreibung schließen aus, dass Maardam am Mittelmehr oder an der Atlantikküste der Iberischen Halbinsel liegt. Auch die Adria, das Schwarze Meer oder der Plattensee kommen als Schauplatz wohl kaum in Frage. Ansonsten sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt: Favorisiert wird in der Rezeption der flämische Teil Belgiens, die Niederlande, gar Deutschland - oder eben irgendwo an den langläufigen Küsten Skandinaviens.

Nun führt der Versuch, imaginierte Orte wieder auf einer Landkarte erden zu wollen, ins literarische Nirvana. Mit dem imaginären Schauplatz wird allerdings eines offensichtlich: Die Romane Nessers sind abstrakter als die Mankells. "In der Theorie gehört Nesser in die Kategorie derjenigen, die sich mit allgemeinen Begriffen befassen, und Mankell zu denjenigen, die spezifische Situationen behandeln." (2).

In Nessers Romanen (wie auch in manchen Mankell-Büchern) sympathetisiert der Leser mit dem Täter und kann dessen Tat nachvollziehen, wenn er diese auch nicht für richtig hält. Oftmals sind die Täter selbst Opfer himmelschreiender Ungerechtigkeit: "In den meisten meiner Bücher möchte ich erklären, warum die Dinge passieren. Warum jemand so weit kommen kann, einen anderen Menschen umzubringen." (3). Das Motiv der Rache für erlittenes Unrecht kehrt in Nessers Romanen häufig wieder. Oft liegt das zugefügte Leid weit in der Vergangenheit zurück; Unrecht hat nicht immer unmittelbare Wirkungen - die 'Saat des Bösen' geht nur langsam auf.

Henning Mankells Romane haben häufig einen konkreten politischen Hintergrund: Apartheid in Südafrika, die Lage in Estland nach der Loslösung von der Sowjetunion, die Macht der Großkonzerne sind nur ein paar Themen, die Mankell behandelt. Die Romane Håkan Nessers sind hingegen abstrakt politisch: Welche Bedeutung haben kategoriale Begriffe wie Schuld und Gerechtigkeit? Und "(...) was ist das für eine Gesellschaft, die Menschen in eine Lage bringt, in der sie sich dazu gezwungen sehen, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen, um Gerechtigkeit zu erlangen?". (4). Nesser bildet in seinen Romanen Wirklichkeit nicht nur ab, sondern konstruiert sie mit ästhetischen Mitteln - seine Texte um Kommissar Van Veeteren lesen sich wie Gedankenexperimente: Was macht eine Figur mit einer bestimmten Geschichte und einer bestimmten psychischen Disposition, wenn man sie mit einem bestimmten Konflikt konfrontiert?

Ein anderer Anspruch bedarf eines anderen Verfahrens: Mankells Kurt Wallander ist eine Integrationsfigur, mit der sich der Leser identifizieren soll (und es auch ausgiebig tut, wie ein kurzer Blick auf die Fan-Seiten zeigt). Nesser stattet seinen Kommissar zusätzlich mit distanzierenden Eigenschaften aus: Van Veeteren ist nicht nur bärbeißig und rechthaberisch, sondern erweist sich teilweise als regelrechter Kotzbrocken. Mankell richtet seine Romane extrem auf Wallander aus, Nesser verteilt seine Storys auf mehrere Figuren: Im Laufe der Serie wird Van Veeteren zunehmend aus dem Zentrum der erzählten Ereignisse an den Rand geschoben, von wo aus er nur noch sporadisch eingreift. Die Kollegen Reinhart, Münster und die Kollegin Ewa Moreno nehmen immer mehr Raum ein. Schließlich tritt Van Veeteren de facto aus dem aktiven Dienst aus und übernimmt die Teilhaberschaft an einem Antiquariat. Nesser interessiert sich nicht für die Story, sondern für die Story hinter der Story - und vernachlässigt darüber manchmal die Story. Erfahrene Leser des Genres, wie auch Ludger Menke in einer Besprechung des Romans »Das vierte Opfer« moniert, werden in Nessers Kriminalromanen selten überrascht. (5)

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, hat lange Jahre als Lehrer Schwedisch, Englisch und Geschichte unterrichtet. "Ich fing an zu schreiben, weil ich gerne und viel las. Eines Tages stellte ich fest, daß das Schreiben noch viel mehr Spaß macht - man ist Herr über den Ablauf der Geschichte.", gab er 1999 Michaela Pelz zu Protokoll (6). Gleich sein erster Kriminalroman »Das grobmaschige Netz« wurde in Schweden zum besten Krimidebüt des Jahres gewählt, zwei weitere Van Veeteren-Titel (»Die Frau mit dem Muttermal« und »Das vierte Opfer«) wurden zum besten Krimi des Jahres gekürt. Nesser lebt in Uppsala, Schweden.

Sogar eine Kurzgeschichte, in der Wallander auf Van Veeteren trifft, haben Håkan Nesser und Henning Mankell gemeinsam geschrieben (7). Denoch sind es nicht die Wallander-Bücher, die einem als Vergleich zu Håkan Nessers Werk in den Sinn kommen, sondern eher die Romane Colin Dexters, Reginald Hills oder auch die früheren Arbeiten von Ruth Rendell. Nicht die Textsorte, die man Freunden der hartgesottenen Literatur empfehlen würde, sondern das gute, alte, bürgerliche Programm.

 

(1) Sibylle Haseke in einer Besprechung des Romans »Das vierte Opfer«. Der Artikel ist nicht mehr online, alte Adresse lautete http://www.wdr.de/radio/wdr4/buchtipp/buchtipp_20010911.html.
An anderer Stelle hatten wir darauf verwiesen, dass Henning Mankell - im Gegensatz zu Håkan Nesser - seinem Wallander durchaus Aktionen zumutet, die die Glaubwürdigkeit der Figur mehr als nur strapazieren. Allerdings sind dies keine Szenen, die Wallander auf die Spur der Täter führen, sondern in denen er sich beispielsweise aus prekären Situation befreit.
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(2) Laurie Thompson: Henning Mankell and Håkan Nesser. Der Artikel ist ebenfalls nicht mehr online, die alte Adresse lautete http://www.swedishbookreview.com/lthmankellnesser.html.
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(3) Interview mit Michaela Pelz unter http://www.krimi-forum.de/Datenbank/Interviews/i000013.html.
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(4) Laurie Thompson. Vgl. Anm. 2.
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(5) Der Beitrag Ludger Menke war unter http://www.der-buecherfreund.de/krimi/nesser.html zu lesen, ist mittlerweile aber nicht mehr online.
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(6) Interview mit Manuela Pelz, vgl Anm. 3.
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(7) Im Wunderlich Verlag ernschien Ende September 2002 die Anthologie »Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien«. In der Verlagsvorschau wird kurz eine Geschichte von Henning Mankell umrissen, die inhaltlich dem entspricht, was wir über die Mankell-Nesser-Story wissen. Da auch Håkan Nesser zu den Autoren der Anthologie gehört, ist es gut möglich, dass die gemeinsam geschriebene Story in diesem Band enthalten ist.
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Ein weiteres Interview mit Håkan Nesser finden Sie unter http://www.schwedenkrimi.de/nesser_interview.htm.

 

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Van Veeteren-Reihe:
Det grovmaskiga nätet
[Stockholm: Bonnier, 1993]
1993 Das grobmaschige Netz
[München: btb bei Goldmann, 1999]
Borkmanns punkt
[Stockholm: Bonnier, 1994]
1994 Das vierte Opfer
[München: btb bei Goldmann, 1999]
Återkomsten
[Stockholm: Bonnier, 1995]
1995 Das falsche Urteil
[München: btb bei Goldmann, 2000]
Kvinna med födelsemärke
[Stockholm: Bonnier, 1996]
1996 Die Frau mit dem Muttermal
[München: btb bei Goldmann, 1998]
Kommissarien och tystnaden
[Stockholm: Bonnier, 1997]
1997 Der Kommissar und das Schweigen
[München: btb bei Goldmann, 2001]
Münsters Fall
[Stockholm: Bonnier, 1998]
1998 Münsters Fall
[München: btb bei Goldmann, 2000]
Carambole
[Stockholm: Bonnier, 1999]
1999 Der unglückliche Mörder
[München: btb bei Goldmann, 2001]
Ewa Morenos fall
[Stockholm: Bonnier, 2000]
2000 Der Tote vom Strand
[München: btb bei Goldmann, 2002]
Svalan, katten, rosen, döden
[Stockholm: Bonnier, 2001]
2001 Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
[München: btb bei Goldmann, 2003]
Fallet G.
[Stockholm: Bonnier, 2003]
2003 Sein letzter Fall
[München: btb bei Goldmann, 2004]

 

Inspektor Gunnar Barbarotti:
Människa utan hund
[Stockholm: Bonnier, 2006]
2006 Mensch ohne Hund
[München: btb bei Goldmann, 2007]
En helt annan historia
[Stockholm: Bonnier, 2007]
2007 Eine ganz andere Geschichte
[München: btb bei Goldmann, 2008]
Berättelse om herr Roos
[Stockholm: Bonnier, 2008]
2008 Das zweite Leben des Herrn Roos
[München: btb bei Goldmann, 2009]
De ensamma
[Stockholm: Bonnier, 2010]
2010 Die Einsamen
[München: btb bei Goldmann, 2011]
Styckerskan från Lilla Burma
[Stockholm: Bonnier, 2012]
2012 Am Abend des Mordes
[München: btb bei Goldmann, 2012]

 

Andere:
Koreografen
[Stockholm: Norstedt, 1988]
1988
Barins triangel. Berättelser ur det inre landskapet
[Stockholm: Bonnier, 1996]
1996 Barins Dreieck
[München: btb bei Goldmann, 2003]
Kim Novak badade aldrig i Genesarets sjö
[Stockholm: Bonnier, 1998]
1998 Kim Novak badete nie im See von Genezareth
[München: btb bei Goldmann, 2003]
Ormblomman (1)
[Stockholm: LL-förl., 1999]
1999
Flugan och evigheten
[Stockholm: Bonnier, 1999]
1999 Die Fliege und die Ewigkeit
[München: btb bei Goldmann, 2006]
Det fruktansvärda (1)
[Stockholm: LL-förl., 2001]
2001
Och Piccadilly Circus ligger inte i Kumla
[Stockholm: Bonnier, 2002]
2002 Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla
[München: btb bei Goldmann, 2004]
Kära Agnes!
[Stockholm: Bonnier, 2002]
2002 In Liebe, Agnes
[München: btb bei Goldmann, 2006]
Skuggorna och regnet
[Stockholm: Bonnier, 2004]
2004 Die Schatten und der Regen
[München: btb bei Goldmann, 2005]
Från Doktor Klimkes Horisont
[Stockholm: Bonnier, 2005]
2005 Aus Doktor Klimkes Perspektive
(Kriminalgeschichten)
[München: btb bei Goldmann, 2007]
Sanningen i fallet Bertil Albertsson?
[Stockholm: Bonnier, 2008]
2008 Die Wahrheit über Kim Novak und den Mord an Bertil Albertsson
[München: btb bei Goldmann, 2010]
Maskarna på Carmine Street
[Stockholm: Bonnier, 2009]
2009 Die Perspektive des Gärtners
[München: btb bei Goldmann, 2010]
Himmel över London
[Stockholm: Bonnier, 2011]
2011 Himmel über London
[München: btb bei Goldmann, 2013]
Levande och döda i Winsford
[Stockholm: Bonnier, 2013]
2013 Die Lebenden und Toten von Winsford
[München: btb bei Goldmann, 2014]
2014 Das unerträgliche Weiß zu Weihnachten
(Anthologie)
[München: btb bei Goldmann, 2014]
Straff
(mit Paula Polanski)
[Stockholm: Bonnier, 2014]
2014 Strafe
[München: btb bei Goldmann, 2015]

 

(1) Beide Titel haben den Zusatz "återberättad av Johan Werkmäster" - mit dem wir nichts anfangen konnten. Martin Schrader hat uns ausgeholfen: Demnach gehört der LL-Verlag zu einer Stiftung für Leichtlesen: Hier erscheinen Texte für Lernbehinderte oder auch Emigranten, die der schwedischen Sprache nicht ganz mächtig sind. »Det fruktansvärda« ist demnach die Leichtleseversion zu »Kim Novak badade aldrig i Genesarets sjö«. Wozu nun allerdings »Ormblomman« die Leichtleseversion ist, haben wir noch nicht rausgefunden. Auf einigen schwedischen Seiten findet sich zu Nesser der Eintrag »Ormblomman från Samaria«, 1997 - der Titel ist für uns aber nicht als Buch nachweisbar, auch Nessers Hausverlag Bonnier nennt den Titel nicht. Vielleicht hilf der Untertitel der Leichtleseversion: »En spännande historia om en ung kvinna, som försvann spårlöst för trettio år sedan.«

 

© j.c.schmidt, 2002 - 2015

 

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