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Mit der Brechstange

Jörg Juretzka über James Ellroy und seinen Roman »Ein amerikanischer Albtraum«

 

Ein amerikanischer Albtraum Sagen wir es gleich: James Ellroy hat seine Ambition, der grösste Kriminalschriftsteller aller Zeiten werden zu wollen, endgültig und mit Wucht an die Wand gefahren. Sein im Origninal 'The Cold Six Thousand' betiteltes und von Ullstein ohne Not und mit einem geradezu anrührenden Mangel an Gespür für provozierte Häme in 'Ein amerikanischer Albtraum' umbenanntes, neuestes Werk ist nichts anderes als eine 846 Seiten starke Zumutung.

Die Story, fünf Jahre amerikanischer Geschichte angefangen mit Kennedys Ermordung, ist zu konstruiert und gleichzeitig zu banal, um sie hier wiederzugeben. Spannung? Null. Ellroy verzichtet auf sie genauso souverän wie auf alle, und ich meine alle vorstellbaren Elemente, die eine fesselnde Geschichte ausmachen könnten, und setzt stattdessen auf die endlos wiederholte Schilderung sinnentleerter Gewalt.
   Das ist, so gesehen, nichts neues, bei Ellroy.
   Gewalt und eine Hand in Hand damit einhergehende, abgrundtiefe Gleichgültigkeit ziehen sich als eine Art deprimierender Grundstimmung durch sein gesamtes Oevre. Doch in 'Ein amerikanischer Albtraum' erreicht diese befremdende Mixtur einen neuen Tiefstpunkt erzähltechnischer Ödnis. Ellroy ist, so der vernichtende Eindruck, völlig ausserstande, Gemütsregungen gleich welcher Art zu vermitteln. Seine (nicht zuletzt deshalb praktisch ununterscheidbaren) Protagonisten sind samt und sonders dumpfe Brüter, alle korrupt, alle irgendwie Ex-Polizei/FBI/CIA-Angehörige, getrieben von niederen Instinkten und in Abständen heimgesucht von Attacken ihrer beiden einzigen Empfindungen - Wut oder Panik. In beiden, wie in allen anderen Fällen, in denen der Autor sich mit Emotionen abmüht, beschränkt sich die Schilderung auf die physischen Reaktionen: Bei Wutanfällen geht es direkt dem Mobiliar oder dem Gegenüber an den Kragen, und Angst oder Panik spielen sich beim Mann grundsätzlich unterhalb der Gürtellinie ab, wo sie für gewöhnlich ein Schrumpeln der Fortpflanzungsorgane oder aber spontane Inkontinenz erzeugen. Und das, so unglaublich es auch klingen mag, ist Ellroys kompletter Kosmos menschlichen Empfindens. Seltene Versuche auf dem dünnen Eis der literarischen Hocherotik lesen sich dann so:
   '"Ich will dich", sagte Littell. Arden berührte sein Bein.'
   Hussa! Schnitt, und sofort ein neues Kapitel. Nein, den Vorwurf spekulativer Pornografie braucht Ellroy sich nicht gefallen zu lassen. Ab und zu überkommt es ihn, und er lässt seine Figuren lachen. Ja, wenn man darauf achtet, lachen sie sogar eine Menge. Es erschliesst sich nur leider nie, warum sie das tun. Zumindest, solange man 'abgefackelte Niggerkirchen' nicht als einen Quell der Heiterkeit begreift. Was uns Ellroys vielleicht charmantesten Zug nahebringt, seine Haltung in Rassenfragen. Grob unterteilt gibt es für ihn nur Menschen, und dann, mit einigem Abstand, zwei Sorten Farbiger: 'Kanaken', womit sich Südamerikaner angesprochen fühlen dürfen, und, nochmal eine Stufe darunter, die 'Nigger', 'Mohren', 'Krausköpfe' oder schlicht 'Schwarzen', dargestellt als eine Horde hirnloser Halbaffen, wie Joseph Goebbels sie nicht liebevoller hätte zeichnen können. Falls sie nicht gerade weisse Frauen vergewaltigen, abstechen, ausweiden und - Ellroys eigene Steigerung - anschliessend noch rasieren, dann pumpen sie sich mit Drogen oder Billigwein ab, tanzen die Polonäse oder den Wa-Watusi, dauernd tanzen sie den Wa-Watusi, nur wenn die harten weissen Männer kommen, um ihnen die Beine oder die Gesichter zu zerschiessen, ihnen die Zähne auszuschlagen oder die Eier abzuschneiden und an Hunde zu verfüttern, dann geben sie das Tanzen dran und fallen winselnd auf die Knie oder rennen wie die Hasen.
   Man wird das Gefühl nicht los, dass Ellroy seine Romane bevorzugt in der Vergangenheit spielen lässt, weil er selber in dem verhaftet ist, was er für das Denken der damaligen Zeit hält. Ah, die guten alten Tage des Klans und seiner fackelschwingenden Lynchmobs.
   Wenn Ellroys maulfaule Protagonisten überhaupt mal die Zähne auseinanderkriegen, dann reden sie bevorzugt darüber, jemanden umzubringen, und wenn sie handeln, dann setzen sie ihre Worte prompt in Taten um. Alle paar Seiten wird geradezu zwanghaft losgezogen und jemand gekillt. Ohne Bedenken, ohne nennenswerte Gegenwehr und grundsätzlich ohne jede Konsequenz.
   'Sie drangen in seine Wohnung ein. Sie schlitzten ihm die Kehle auf.'
   Und fertig. Das wars, Leute. Willkommen in Ellroys Welt.

Doch all das, der unverblümte Rassismus wie die repetitive Gewalt, das Fehlen kleiner wie grosser Spannungsbögen, ja selbst dieses seltene Unvermögen, den Leser in irgendeiner Weise in das Geschehen zu involvieren, all das zusammen ist noch nicht das Schlimmste an diesem Buch.
    Das Schlimmste ist James Ellroys billiger Ersatz für einen Schreibstil. Statt eine Sprache oder auch nur einen Rhythmus für seine Geschichte zu finden, geht er hin und erklärt dem Komma den Krieg.
    Kein Scherz. Ausser in Dialogen und den 'Dokumenteinschüben', mit deren Hilfe er komplizierte Sachverhalte in einer Art Behördensprache abhandelt, hat er mit sturem, fast schon manischem Durchhaltevermögen jedes einzelne Komma seines Textes durch einen Punkt ersetzt und so unfassbare 846 Seiten mit einer endlosen Abfolge abgehackter Rumpfsätze gefüllt.
   Entstanden ist ein Roman wie ein Hektoliter warmes, schales und zu allem Überfluss auch noch alkoholfreies Bier.
   Strohhalm, jemand?

© Jörg Juretzka, 2001

James Ellroy: Ein amerikanischer Albtraum. (Cold Six Thousand). Roman. Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree. Berlin: Ullstein, 2001, 846 S., 46.94 DM, 24.00 Euro (D)

 

Jörg Juretzka Kurzportrait Jörg Juretzka:

"Ehre und Reichtum Jörg Juretzka!", brüllte seinerzeit die geschätzte Kollegin Kathrin Passig, als sie eine gute halbe Stunde zu spät zur Arbeit kam. Ob der brüllend komischen Lektüre des Romans »Prickel« hatte sie schlicht vergessen, an der richtigen U-Bahnstation auszusteigen.

"Juretzka ist einer der amerikanischsten unter den deutschen Krimiautoren. Sein lakonisch präziser, fast immer witziger Stil erinnert an Kinky Friedman oder Hunter S. Thompson.", lobt etwa auch Andreas Kaiser in der Welt vom 28.06.2000. Gleich Juretzkas erster - veröffentlichter - Kriminalroman belegte den zweiten Platz des deutschen Krimipreises. Ehre allenthalben - aber Reichtum?

Jörg Juretzka stammt aus Mühlheim an der Ruhr. Er hat sich in den unterschiedlichsten Jobs rumgeschlagen und mehrere Manuskripte verfasst - darunter auch Kinderbücher -, bevor 1998 sein erster Roman um den Ruhrpott-Schnüffler Kristof Kryszinski erschien, den schrägsten Privat-Ermittler der deutschen Krimiszene. Mittlerweile ist nicht nur der vierte Roman fertiggestellt, der den Titel »Am Arsch« trägt, sondern ein fünfter liegt bereits in der ersten Fassung vor. Soviel können wir schon verraten: Juretzka hat seine Ruhrpott-Trilogie abgeschlossen und schickt seine Hauptfigur Kristof Kryszinski auf Reisen.

Vor kurzem erschien Enzi@n, ein Kriminalroman in 54 e-mails, den Jörg Juretzka gemeinsam mit Roger M. Fiedler verfasste.

 

Kristof Kryszinski-Romane:

Prickel (1998)
Sense (2000)
Der Willy ist Weg (2001)
Enzi@n (2001, mit Roger M. Fiedler)
Fallera (2002)
Equinox (2003)
Wanted (2004)
Bis zum Hals (2007)
Alles total groovy hier (2009)
Rotzig & Rotzig (2010)
Freakshow (2011)
TaxiBar (2014)

 

Die beiden ersten Romane sind nicht in der gleichen Reihenfolge erschienen, in denen sie entstanden sind. Eigentlich ist »Sense« der erste der Kryszinski-Romane

Andere:

Das Schwein kam mit der Post (Kinderbuch, 2006)
Platinblondes Dynamit (2012)
Schlachtfeld der Liebe (2013)
Los Bandidos (2014)

Regelmäßige Besucher unserer Seiten erinnern sich vielleicht: »Der Willy ist weg hatten« hatten wir Ihnen als dreiteiligen Vorabdruck in Auszügen vorgestellt. Die ausführliche Leseprobe steht Ihnen natürlich immer noch zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie auch in unserem Interview mit Jörg Juretzka, das den Titel Im Frühtau zu Mülheim trägt.

 

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