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Ein Interview mit William Kent Krueger

 

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Eines der professionellsten Debüts der Kriminalliteratur verdanken wir William Kent Krueger und seinem Roman Indianischer Winter (Goldmann). Krueger schildert die Geschichte des Ex-Sheriffs Cork O'Connor, der in dem verschneiten Provinzkaff Aurora, Minnesota, in eine bitterböse Geschichte um einen toten Richter und einem verschwundenen Indianerjungen gezogen wird. Und in den dunklen Wäldern stapft ein mythisches Ungeheuer mit einem Herz aus Eis durch die haushohen Schneeverwehungen...

Kruegers Roman ist ein epischer Krimi um böse Geister und finstere Seelen. Kunstvoll verwebt er die Krimi-Handlung mit indianischen Mythen und indianischer Kultur, und gibt selbst jeder Nebenfigur unverwechselbare Gesichter. Guter Stoff, perfekt vorgetragen.

William Kent Krueger stellte sich unseren Fragen und gibt in einem Interview Auskunft über sich, seinen Roman und Mythen von menschenfressenden Ungeheuern.

 

William Kent Krueger kaliber .38: William Kent Krueger, wir wissen kaum etwas über Sie persönlich. Würden Sie uns ein bißchen über Ihren Hintergrund erzählen und über Ihr Berufsleben, bevor Sie ihren ersten Roman Indianischer Winter veröffentlichten?

William Kent Krueger: Ich wuchs ein bißchen auf wie ein Zigeuner. Die meiste Zeit in meiner Kindheit zogen meine Eltern kreuz und quer durch die USA. Als ich die Highschool abschloss, hatte ich in acht unterschiedlichen Gemeinden in sechs verschiedenen Staaten gelebt. Dennoch neige ich dazu, Oregon als meine Heimat zu bezeichnen.

Ich besuchte ein Jahr die Stanford University, bis ich mein Stipendium verlor, weil ich an den Protesten gegen den Vietnam-Krieg teilgenommen hatte. Ich verbrachte noch zwei weitere Jahre in einem College in Colorado, bevor ich schließlich alles hinschmiss.

In meinem Leben habe ich es in unterschiedlichen Jobs probiert: ich habe Holz gefällt, Straßengräben gegraben, Pipelines verlegt. Es waren alles gute Jobs. Um meine Frau zu unterstützen, die einen Jura-Abschluß machte, begann ich in der Universitätsbürokratie zu arbeiten und wurde schließlich Verwaltungsangestellter eines Forschungslabors. Diese Stellung bekleidete ich noch, als Indianischer Winter erschien. Ich habe den Job vor etwas mehr als einem Jahr aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben zu widmen.

kaliber .38: Wann und wie haben Sie mit dem Schreiben angefangen?

William Kent Krueger: Ich habe schon immer geschrieben. Und ich habe immer daran geglaubt, dass ich irgendwann mit dem Schreiben meinen Unterhalt verdienen würde.

Meinen jetzigen Tagesablauf - ich stehe morgens um 5 Uhr 30 auf, gehe in ein Café und schreibe für ein, zwei Stunden Langschrift in mein Notebook - habe ich mir in der Zeit angewöhnt, als ich auf dem Bau arbeitete. Ich hatte gelesen, Ernest Hemingway hielt die frühen Morgenstunden für seine kreativste Zeit, und ich dachte, das probiere ich aus. So habe ich mir für jeden Tag einen Mittelpunkt gesetzt, um mich auf die Ziele zuzubewegen, die ich mir vor langer Zeit gestellt habe.

kaliber .38: Wieso haben Sie in einem Café geschrieben?

William Kent Krueger: Ich fing damit an, weil ich in dem Café eine neutrale Umgebung vorfand. Zuhause klingelt das Telefon. Die schmutzigen Teller in der Spüle schreien danach, abgewaschen zu werden. Da gibt es Fernsehen. Die Kinder laufen herum. Wenn es dann mal ruhig ist, lenkt mich die Stille wieder ab. In dem Café bin ich für nichts verantwortlich. Es ist alles weißes Rauschen. Ich bin zwar auf der Welt, muss aber nicht auf sie reagieren. Ich bin frei und kann kreativ arbeiten. Wenn ich den Gesprächen der Stammkunden zuhören möchte und auf eine Geschichte stoße, die ich benutzen kann, dann tue ich es. Ich beobachte Eigenarten, Sprachmuster, und benutze sie. Es ist ein bißchen paradox: Es lenkt mich nicht ab, aber es bietet mir Abwechslung, und das ist es, wonach ich suche.

Indianischer Winter kaliber .38: Indianischer Winter ist eines der professionellsten Debüts, das wir jemals gelesen haben. Wie lange brauchten Sie, um das Buch zu vollenden?

William Kent Krueger: Ich habe mit dem Buch im Frühjahr 1992 begonnen. Mit der letzten Durchsicht war ich im Sommer 1996 fertig. Ich brauchte vier Jahre, weil ich ganztags gearbeitet habe und erst mal lernen mußte, wie man einen Roman schreibt.

kaliber .38: Ihre Geschichte ist voller indianischer Legenden und Überlieferungen, voller kultureller und sprachlicher Einzelheiten über die Anishinaabe. Soweit wir wissen, haben Sie selbst keine indianischen Wurzeln. Was hat Sie dazu angeregt, über amerikanische Indianer zu schreiben, und wie haben Sie Ihre Informationen gesammelt?

William Kent Krueger: Als ich noch am College immatrikuliert war, galt mein Hauptinteresse der Anthropologie. Später - ich brütete über dem Anfang des Manuskriptes, aus dem Indianischer Winter wurde - entdeckte ich zufällig die Romane von Tony Hillerman. Sein Werk hat mir die Augen dafür geöffnet, wie ich zwei meiner Leidenschaften - das Schreiben und die Kulturelle Anthropologie - zusammenbringen und daraus eine befriedigende Erzählung schaffen kann.

Um den Anishinaabe gerecht zu werden, habe ich alles gelesen, was ich über sie und ihre Kultur in die Finger bekommen konnte. Als ich mich hinsetzte, um den Roman zu schreiben, habe ich versucht, sensibel umzugehen mit dem Thema Rasse, mit den Klischees, aber auch mit der Wahrheit, an die ich glaube - dass nämlich jeder in erster Linie ein Mensch ist und irgendwie von den gleichen Gefühlen angetrieben wird. Auch meine Figuren versuchte ich mir in erster Linie als Menschen vorzustellen, und erst in zweiter Linie als Angehörige einer besonderen Kultur.

Als ich das Manuskript fertig hatte, bat ich zwei Ojibwe-Leser um ihre Meinung. Sie machten mir einige Vorschläge, wie ich die Reaktion eines Indianers in der einen oder anderen Szene treffender beschreiben könnte, waren aber sehr glücklich mit der generellen Sensibilität des Buches.

kaliber .38: Als Sie Indianischer Winter geschrieben haben, wußten Sie da bereits, dass es der Anfang zu einer Serie würde?

Iron Lake William Kent Krueger: Ich hatte kein endgülgies Bild, als ich mit dem Roman anfing. Zunächst war ich mir noch nicht mal sicher, ob es überhaupt ein Krimi wird. Als ich etwa die halbe Strecke hinter mir hatte, bemerkte ich, dass das emotionale Durcheinander in dem Leben der Figuren nicht einfach aufzulösen ist. Ich hatte die Figuren mit Konflikten und Sorgen ausgestattet, die ich - als Autor - weiter verfolgen wollte. Es fiel mir auf, dass ich wahrscheinlich drei Bücher schreiben müsste, um die Figuren dahin zu bekommen, wo ich sie einmal haben wollte. Und das habe ich dann gemacht. In vieler Hinsicht lösen sich in Purgatory Ridge (der dritte Cork O'Connor Roman - Anm. d. Red.) die Probleme auf, die in Indianischer Winter entstehen.

kaliber .38: Eine wichtige Figur in dem Roman ist der Windigo. Einer Anishinaabe-Legende zufolge ist der Windigo »ein Riese, ein Menschenfresser mit einem Herz aus Eis«, der aus den Wäldern kommt, um das Fleisch von Männern, Frauen und sogar Kindern zu fressen. Es gibt nur eine Möglichkeit, den Windigo zu besiegen und zu töten - man muß selbst zu einem Windigo werden. Aber man muß aufpassen: Selbst wenn man den Windigo getötet hat, besteht die Gefahr, dass man für immer ein Windigo bleibt. Was finden Sie so spannend an dieser Legende?

William Kent Krueger: Das erste mal hörte ich die Geschichte vom Windigo an einem Pfadfinder-Lagerfeuer, als ich zwölf Jahre alt war. Die Geschichte hat mich zu Tode erschreckt. Als ich anfing, über die Ojibwe und Anishinaabe zu forschen, habe ich die Geschichte wiederentdeckt. Sofort erkannte ich in dem Mythos vom Windigo einen Archetyp für Cork O'Connor - einem gewöhnlichen Mann, der unsagbar Bösem gegenübersteht und selbst in vielerlei Hinsicht zu dem Monster wird, das er eigentlich bekämpft. Das Kunststück ist, ihn wieder zu einem Menschen zu machen, nachdem er das Ungeheuer erschlagen hat. Das Muster dieser mythischen Verwandlung hat mir geholfen, den groben Handlungsrahmen zu entwerfen.

kaliber .38: Ihr zweiter Cork O'Connor-Roman heißt Boundary Waters, der dritte, der im März 2001 in den USA erscheinen soll, hat den Titel Purgatory Ridge. Ohne zuviel vorwegzunehmen, können Sie uns schon ein bißchen was über die Fälle erzählen, mit denen sich O'Connor in den kommenden Büchern beschäftigt?

William Kent Krueger: Wie ich bereits erwähnte ist Purgatory Ridge gewissermaßen das emotionale Ende des Zyklus, wie ich es mir beim Schreiben von Indianischer Winter vorgestellt habe. Die Geschichte ist die Auflösung, der Abschluss all der Kränkungen aus der Vergangenheit. Aber natürlich habe ich versucht, die Geschichte so zu erzählen, dass sie den Liebhabern des Genres gefällt, und sie nachts noch lange weiter schmökern, obwohl sie schon längst schlafen sollten.

Ich beginne jetzt mit den Entwürfen für einen weiteren Cork O'Connor Roman. Er hat den vorläufigen Titel Widow's Creek und wird der traditionellste Kriminalroman sein, den ich bisher versucht habe. In diesem Buch wird Corks Ehefrau Jo O'Connor gebeten, einen jungen Indianer zu verteidigen, der des Mordes angeklagt ist. Es ist ihr erster Mordprozess, und sie hat Angst. Sie beauftragt Cork mit den Ermittlungen. Mir gefällt es, dass Cork und Jo zusammenarbeiten. Und ich habe da zahlreiche überraschende Wendungen im Kopf, die, wie ich hoffe, den Leser dazu bringen, bis zur letzten Seite mitzufiebern. Ich sehe mich in erster Linie als ein Autor von Spannungsromanen. Die Idee, einen klassischen Kriminalroman zu schaffen, ist für mich eine aufregende Herausforderung.

kaliber .38: Vor kurzem haben Sie eine Nachricht ein einer Mailinglist veröffentlicht, in der Sie jemanden mit Verbindungen zum Secret Service suchen. Das hat uns natürlich sehr neugierig gemacht.

Boundary Waters William Kent Krueger: Ich habe gerade einen Roman außerhalb der Serie fertiggestellt, der den vorläufigen Titel All the Kings of the Earth trägt. Darin plant ein Mann die Ermordung der First Lady der Vereinigten Staaten. Obgleich er es nicht bemerkt, bekommt er Hilfe von einigen der mächtigsten Männern in der Bundesregierung. Das einzige, was zwischen der First Lady und ihrer Ermordung steht, ist ein Agent des Secret Service, der sie liebt. Es soll hauptsächlich eine lustige, unterhaltsame Lektüre sein, einfach mal was anderes als die Cork O'Connor-Romane. Ich werde es in Kürze meinem Verleger zeigen.

kaliber .38: Stört es Sie, mit anderen Autoren verglichen zu werden, die ebenfalls Kriminalromane über Indianer schreiben? Ich denke an Nevada Barr, Thomas Perry mit seinen Jane Whitefield-Romanen und natürlich Tony Hillerman, den Sie bereits oben erwähnten.

William Kent Krueger: Es stört mich überhaupt nicht. Wenn ein Autor versucht, eine Leserschaft für sich zu gewinnen, sind Vergleiche vorteilhaft. In einem Genre, das stilistisch und inhaltlich so weit gefächert ist, helfen Vergleiche dem Leser, das Werk in das breite Spektrum einzusortieren. Und sie helfen dem Leser sich zu entscheiden, ob sie das Risiko eingehen sollen, das Buch zu kaufen oder nicht. Ich habe schon gar nichts dagegen, mit solchen Größen wie Hillerman, Barr und Perry verglichen zu werden.

kaliber .38: Indianischer Winter hat viele Preise gewonnen, etwa 1999 den "Anthony" als bestes Erstlingswerk. Haben diese Preise zu Ihrem Erfolg beigetragen?

William Kent Krueger: Erfolg scheint mir die am wenigsten reale Erfüllung zu sein. Ich bin mir nicht mal sicher, was der Maßstab für Erfolg ist. Ich meine, es kann nie schaden, wenn man auf dem Cover sagen kann, der Autor oder das Buch habe einen Preis gewonnen. Doch nur ganz wenige Leser werden davon ihre Kaufentscheidung abhängig machen. Ich finde es viel wichtiger für die Erfolgsbedingungen in diesem Geschäft - das heißt: Verkäufe -, weiterhin gute Bücher zu schreiben und einen Verleger zu haben, der hundertprozentig hinter einem steht. Was mein eigenes Verständnis von Erfolg anbelangt, versuche ich schlicht, immer das beste Buch abzuliefern, das ich schreiben kann, und mich mit jedem Roman an etwas Neuem zu versuchen, und so als Künstler zu wachsen.

kaliber .38: Gibt es einen Rat, den Sie neuen, bisher unveröffentlichten Autoren geben können?

William Kent Krueger: Den einzigen hilfreichen Rat, den ich geben kann, ist einfach: Schreib, was dir gefällt, und gib niemals auf.

kaliber .38: Haben Sie die Absicht, demnächst nach Europa - vor allem nach Deutschland - zu kommen, um Ihre Bücher vorzustellen?

William Kent Krueger: Im Augenblick habe ich nicht die Absicht, in Europa auf Tournee zu gehen. Wenn aber meine Bücher dort eine breite Leserschaft finden, werde ich Europa mit Sicherheit besuchen.

kaliber .38: William Kent Krueger, herzlichen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für Indianischer Winter und freuen uns schon auf die folgenden Cork O'Connor-Romane.

William Kent Krueger: Vielen Dank.

 

Herzlichen Dank an Louisa MacDonald.
© j.c.schmidt, 2000

 

* * *

 

Cork O'Connor-Serie:
Iron Lake
[New York: Pocket Books, 1998]
1998 Indianischer Winter
[München: Goldmann, 2000]
Boundary Waters
[New York: Pocket Books, 1999]
1999
Purgatory Ridge
[New York: Pocket Books, 2001]
2001
Blood Hollow
[New York: Atria Books, 2004]
2004
Mercy Falls
[New York: Atria Books, 2005]
2005
Copper River
[New York: Atria Books, 2006]
2006
Thunder Bay
[New York: Atria Books, 2007]
2007
Red Knife
[New York: Atria Books, 2008]
2008
Heaven's Keep
[New York: Atria Books, 2009]
2009
Vermillion Drift
[New York: Atria Books, 2010]
2010
Northwest Angle
[New York: Atria Books, 2011]
2011
Trickster's Point
[New York: Atria Books, 2012]
2012

 

Andere:
The Devil's Bed
[New York: Atria Books, 2003]
2003

 

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