kaliber .38 - krimis im internet

 

Krimi-Auslese 11/2000

 

Im Zeichen der Schlange Die Welt ist ein seltsam' Ding: Da schüttelt man am Bäumchen der Erkenntnis, um sich einen Überblick zu verschaffen, und wird erschlagen von den Früchten, die da aus dem Geäst plumpsen. Je länger man schüttelt, desto mannigfaltiger werden die Dinge, und von Überblick kann schon lange keine Rede mehr sein.

Michael Larsen unternimmt in seinem Roman Im Zeichen der Schlange (Hanser) den dreisten Versuch, einen Thriller zu erzählen, und en passant über den Stand der Naturwissenschaften zu referieren.

Das geht?
Das geht.

Larsen schildert die Geschichte der australischen Ärztin und Schlangenexpertin Annika Niebuhr, die aufgerieben wird in einer Intrige des australischen Geheimdienstes ASIO und der amerikanischen CIA. Es beginnt mit einem Schlangenbiss, der sich als Mordversuch entpuppt, und kulminiert in dem angeblichen Selbstmord von Annikas Freund Simon Rees, der für den australischen Geheimdienst arbeitet. Anonym erhält die Ärztin Computerscans eines Gehirns, versehen mit dem Satz »Was das Auge der Seele gesehen hat, kann nicht zerstört werden«.

Larsen zeichnet das faszinierende Poträt einer weit über die Grenzen ihrer Profession wissensdurstigen Frau. Annika Niebuhr stammt aus schwer bildungsbürgerlichem Hause. Sie lebt ein Leben in Büchern und hat ein an die Enzyklopädisten erinnerndes Wissen über das Universum angehäuft. Schlangen haben es ihr schon früh angetan, denn es »herrscht Chaos in der Welt der Schlangen, und es gibt keine einfachen Antworten.«.

Aber nicht nur von Schlangen und anderem kreuzgiftigen Getier, das sich nicht immer im Einklang mit der Evolutionstheorie ausgerechnet auf dem fünften Kontinent angesammelt hat, weiß Larsen detailliert und fesselnd zu berichten: »Die Geschichte der Schlange ist zugleich die Geschichte über unsere Auffassung und Sicht der Welt«. Allein in der Bibel wird die Schlange fünfunddreißig mal erwähnt. In fast allen alten Kulturen erscheint die Schlange als Gottheit, die Himmel und Erde zusammenhält. Selbst der Biss der Schlange wird als mystische Erfahrung geschildert: »Wenn ich Dichter wäre und kein Wissenschaftler, würde ich sagen, daß das menschliche Bewußtsein entstanden sein muß, als ein früher Vorfahre von einer Schlange gebissen wurde.«.

I m Zeichen der Schlange ist eine packende Reise durch alte und zeitgenössische Mythologien und gleichzeitig ein spannender Thriller. Neben diesem geistreichen Buch stehen die Romane des von mir durchaus geschätzten Michael Crichton wie Groschenheftchen am Bahnhofskiosk.

Michael Larsen: Im Zeichen der Schlange (Slangen i Sydney, 1997). Roman. Aus dem Dänischen von Ingrid Glienke. München: Carl Hanser Verlag, 2000, 374 S., 42.00 DM

 

Die elfte Plage A propos Bahnhofskiosk: Recht flotte Unterhaltung liefern John S. Marr und John Baldwin mit ihrem Roman Die Elfte Plage (Bastei-Lübbe): Ein Virologe jagt einen Psychopathen, der mit modernen toxikologischen Mitteln die zehn biblischen Plagen wiederherstellt. Wir lesen von fiesen Bienenschwärmen, die unschuldige Kinder zu Tode stechen, mörderischen Milzbrandinfektionen und anderen klebrig-ekeligen Krankheiten. Außerdem lernen wir, dass der Begriff Katalepsie in der Medizin einen Zustand beschreibt, der es dem beklagenswerten Opfer erlaubt, seiner eigenen Autopsie beizuwohnen.

Bis zu einem gewissen Punkt, jedenfalls.

Schwach ist der Roman immer dann, wenn die beiden Autoren versuchen, ihren Figuren ein Seelenleben einzuhauchen. Dennoch: Der richtige Stoff, wenn man sich ein bißchen Gruseln will.

John S. Marr und John Baldwin: Die elfte Plage (The Eleventh Plague, 1998). Roman. Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. Bergisch-Gladbach: Bastei Lübbe, 2000, 526 S., 18.90 DM

 

Volles Leichenhaus Französische Kriminalromane kommen gerne als Persiflage daher. Manchmal wird dabei nicht recht deutlich, was nun eigentlich persifliert wird. So hat auch Jean-Patrick Manchettes Kriminalroman Volles Leichenhaus, der gerade in der Série Noire des DistelLiteraturVerlags erschienen ist, mehr von Coluche als von beau Alain Delon, dessen melancholisches Antlitz das Cover ziert.

Der ehemalige Polizist Eugène Tarpon fristet in Paris ein erfolg- und weitgehend arbeitsloses Dasein als Privatdetektiv (»Ermittlung, Beschattung, Diskretion«). Die Geschäfte gehen so schlecht, dass sich der arme Mann gar mit dem Gedanken an eine Rückkehr zu Mama plagt. Da wendet sich die junge und leichtlebige Schauspielerin Memphis Charles an ihn: Ihre Freundin liege tot in der gemeinsamen Wohnung und überall sei Blut. Tarpon verweist das Starlet an die Flics, aber die actrice weigert sich, denn in der Wohnung seien Drogen und im Keller Bomben.

Tarpon wird in eine undurchsichtige Attentatsgeschichte verwickelt und bekommt kräftig auf die Mappe. Jean-Patrick Manchettes Roman, der in Frankreich bereits 1973 erschienen war, mutiert teilweise durch seinen exaltierten Humor zu einem bande dessinée ohne Bilder. Dennoch: Volles Leichenhaus ist ein lesenswerter polar um zerrissene Menschen in einer zerrissenen Zeit: »...doch was ergab heutzutage überhaupt einen Sinn? Zwanzigjährige Kinder griffen Kommissariate mit Benzinflaschen an, und ich, ich hatte mit einer Granate mitten ins Gesicht einen Bengel getötet, der Pflastersteine warf. Die Welt ist verrückt. Ich hätte mich zu Mama nach Hause verdrücken sollen, wie ich es vorgehabt hatte.«

Jean-Patrick Manchette: Volles Leichenhaus (Morgue Pleine, 1973). Roman. Aus dem Französichen von Christina Mansfeld und Stefan Linster. Heilbronn: DistelLiteraturVerlag, 2000, 200 S., 18.00 DM

 

Das zweite Herz Frisch als Taschenbuch erschienen ist Michael Connellys Roman Das zweite Herz (Heyne): Terry McCaleb arbeitete 16 Jahre »mit ganzem Herzen« beim FBI. Er war Mitglied einer Fahndungshilfe-Einheit, sein Spezialgebiet waren Serientäter. Eine schwere Erkrankung machte eine Herztransplantation nötig, von der sich McCaleb immer noch erholt.

Eines Tages bittet ihn eine junge Frau, bei der Untersuchung des Mordes an ihrer Schwester zu helfen. McCaleb lehnt zunächst ab. Doch als er erfährt, das Spenderherz in seiner Brust stamme von der Ermordeten, willigt McCaleb ein, zumindest das Material der ermittelnden Dienststellen zu sichten. Dabei stößt er auf einige Ungereimtheiten und einen zweiten Mord, der nach dem gleichen Schema ablief und mit der gleichen, seltenen Waffe durchgeführt wurde.

Michael Connelly schreibt rasend gute Polizeiromane. Das zweite Herz ist nicht sein bestes Buch: Dass sowohl Sheriff-Department als auch LAPD bei dem geschilderten Tathergang nur in Richtung Raubmord ermitteln, ist wenig glaubwürdig. Auch mutet Connelly seinem rekonvaleszenten Helden im Fortgang zu viel Action zu. Dennoch: Connellys Schreibe ist präzise und er bringt in seine Story überraschende und finstere Wendungen. Kurzweiliges Lesevergnügen.

Michael Connelly: Das zweite Herz (Bloodwork, 1998). Roman. Aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb. München: Heyne Taschenbuch Verlag, 2000, 464 S., 17.90 DM

 

Die Zwillingsfalle Dass nicht nur in den USA gute Polizeiromane geschrieben werden, zeigt Horst Eckert. Mit seiner harten und düsteren Sprache, den raffinierten Plots, die oft mit den Romanen von James Ellroy verglichen wurden, hat sich Horst Eckert in der Spitze der deutschen Krimi-Autoren etabliert. Auch in seinem neuen Roman, Die Zwillingsfalle (Grafit), wird deutlich, dass sich Düsseldorf als Schauplatz für rasante Cop-Novels genauso gut eignet, wie etwa New York, Los Angeles oder auch Isola: Fulminant aufbereiteter, komplexer Stoff um korrupte, karrieregeile und zermürbte Bullen, die in einem sechsfachen Mordfall mit unterschiedlichen Interessen ermitteln, vertuschen, intrigieren und ihr feines Netz schmieriger Machenschaften spinnen. Eckerts Kriminalroman ist ein Pageturner von der Ouvertüre - eine bizarre Einbruchsserie und eine völlig vergeigte Operation des Sondereinsatzkommandos - bis zur Lösung des Falles, durch die mitnichten Recht und Ordnung und schon gar nicht die Moral wiederhergestellt ist.

Cops and killers - selten wurde in deutscher Sprache die Grauzone zwischen Recht und Verbrechen so packend und authentisch vorgetragen.

Horst Eckert: Die Zwillingsfalle. Kriminalroman. Originalausgabe. Dortmund: Grafit, 2000, 352 S., 18.80 DM

 

Indianischer Winter Eines der professionellsten Debüts der Kriminalliteratur verdanken wir William Kent Krueger und seinem Roman Indianischer Winter (Goldmann). Krueger schildert die Geschichte des Ex-Chicago-Cops Cork O'Connor, der in dem Provinzkaff Aurora, Minnesota, den Sheriff-Posten übernimmt, um seine angeschlagene Ehe zu retten. Doch die Geschichte nimmt eine tragische Wendung: Bei einem Streit zwischen Indianern und Weißen um die Fischerei-Rechte am Iron Lake (so auch der Originaltitel) kommt es zu einer Katastrophe.

Cork - und hier beginnt die eigentliche Geschichte - wird als Sheriff abgewählt und betreibt ein kleines Restaurant. Er lebt von Frau und Kindern getrennt. Ein paar Tage vor Weihnachten wird der gefürchtete Richter Robert Parrant, der zur Indianischen Community zwielichtige Geschäftsbeziehungen unterhielt, tot aufgefunden. Die Indizien deuten auf einen Freitod hin.

Doch dann verschwindet der indianisch-stämmige Schüler Paul Le Beau. Zuletzt wurde er gesehen, als er die lokale Zeitung in den verschneiten Straßen Auroras austrug. Letzte Station seiner Tour: das Haus des Richters Parrant. Und der Anishinaabe-Medizinmann Meloux berichtet O'Connor, er habe die Stimme des Windigo gehört, einer Mythengestalt mit einem Herz aus Eis, die aus den Wäldern kommt, um das Fleisch von Männern und Frauen zu fressen...

William Kent Kruegers Roman ist ein epischer Krimi um böse Geister und finstere Seelen. Eine amerikanische Kritikerin schrieb sinngemäß: Wenn Krueger den Winter in Minnesota beschreibt, zieht sich auch ein Leser im Sonnenstaat Florida die Handschuhe an. Nun, meine Handschuhe habe ich nicht gefunden, aber ich bin erheblich näher an die Heizung gerückt. Krueger erzählt eine runde Geschichte, verwebt kunstvoll die Krimi-Handlung mit indianischen Mythen und indianischer Kultur, und gibt selbst jeder Nebenfigur unverwechselbare Gesichter. Guter Stoff, perfekt vorgetragen.

William Kent Krueger: Indianischer Winter (Iron Lake, 1998). Roman. Aus dem Amerikanischen von Angelika Felenda. München: Goldmann Taschenbuch Verlag, 2000, 442 S., 16.90 DM

 

© j.c.schmidt, 2000

 

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