kaliber .38 - krimis im internet

 

Krimi-(Vor-)Auslese 11/2020

 

Olympia Dem Vernehmen nach bringt die neue Staffel "Babylon Berlin" die ARD-Mediathek zum Glühen. In der Tat - die zwölf Teile sind opulentes und kurzweiliges Sehvergnügen, auch wenn die schillernde Bildmächtigkeit und die grandiosen Darsteller nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Staffel von einer ganz schwachen Story getragen wird. Literarische Grundlage ist Volker Kutschers Der stumme Tod (2009), der zweite Roman um den an Körper und Seele lädierten Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath und die Kriminalassistentin Charlotte Ritter. Zeitgleich mit der Ausstrahlung von "Babylon Berlin" erscheint Kutschers neuer Roman Olympia (Piper), in dem Kommissar Rath im Sommer 1936 einen Todesfall im olympischen Dorf untersucht. Wenn Sie der TV-Serie literarisch vorwegsurfen wollen, dann können Sie mit "Olympia" schon in Raths achtes Abenteuer versinken. Vielleicht ist die Geschichte diesmal etwas gefälliger geraten.

 

Sodom Nun wird Berlin nicht nur in der historischen Perspektive gerne als "Sündenpfuhl" beschrieben: Von der in Autorin Eva Siegmund liegt ein Techno-Thriller vor, der in der Zukunft spielt. Sodom heisst das Buch (Knaur), in dem sogenannte »Cheater« die Straßen Berlins zu einem tödlichen Dschungel machen. Cheater sind Kriminelle, die ihre Körper mithilfe illegaler Prothesen in eine tödliche Waffe verwandeln. Hauptfigur ist ein junger Polizist, der im Hauptquartier der Polizei von Berlin Mitte sitzt, dem "Käfig" (eine futuristische Variation der Babylon-Burg?), und von dort aus Jagd auf die Cheater macht, die seinen Vater ermordet haben. "Sodom" ist der erste Teil der Trilogie "Utopia Gardens". Teil zwei soll - liegt auf der Hand - "Gomorrha" heissen, und Teil drei - na, da sieh doch mal einer schau – "Babylon"!

 

Kreuzberg Blues Noch einmal Berlin, jetzt aber ohne jegliches babylonisches Lametta: Von Wolfgang Schorlau erscheint ein ganz diesseitig orientierter, politischer Krimi um den aktuellen Kampf um das Recht auf bezahlbares Wohnen. Kreuzberg Blues (Kiwi), Schorlaus zehnter Krimi um den früheren BKA-Zielfahnder und heutigen Privatermittler Georg Dengler aus Stuttgart, handelt von skrupelloser Entmietung und dem Ringen einer zahnlosen Politik mit gefräßigen Immobilienhaien. Der Roman spielt weitgehend im titelgebenden Berliner Stadtteil, der mit einer ganz eigentümlichen Mischung aufwartet: "In einem Radius von wenigen hundert Metern", so heisst es zutreffend in der Buchbeschreibung, "vereinen sich in Kreuzberg Plattenbauten, schicke Townhouses, die türkische Community und der Schwarze Block". Genau hier will ein Bauunternehmer zwei Häuser mit kriminellen Methoden entmieten und für zahlungskräftiges Publikum Neues bauen. Die Situation eskaliert, ein Spekulant fällt vom Dach. Wolfgang Schorlau ist bekannt für gut recherchierte, spannende und informative Krimis mit aktuellem politischem Bezug. Mitten in der Arbeit an seinem Immobilien-Stoff brach die Corona-Krise aus, die Schorlau ebenfalls in seinem Buch verarbeitet. Das brachte dem Autor bei seiner Leserschaft nicht nur Zuspruch ein, was aber mehr an der nervösen Corona-Debatte selbst denn an ästhetischen Erwägungen liegen kann. Wir schauen mal rein - ganz ohne Aluhut!

 

Aus den Akten der Agence O Neues von Georges Simenon, dem - neben Jaques Brel - berühmtesten Franzosen, der keiner ist. Aus den Akten der Agence O heisst ein Band mit vierzehn Geschichten, die erstmals in deutscher Sprache erscheinen (Kampa Verlag, Dt. von Susanne Röckel). Hauptfigur der Geschichten ist Torrence, früher Kommissar Maigrets rechte Hand, der nach seinem Polizeidienst Karriere als Privatdetektiv bei der Agence O macht. Entstanden sind die Geschichten im Sommer 1938; sie erschienen 1941 als illustrierte Stories in Zeitschriften und in erster französischer Buchausgabe 1943. Abgerundet wird der Band mit einem Nachwort von Daniel Kampa. Naja, Simenons Maigret-Romane verströmen immer den Geruch von Kohlsuppe - ob sich die Torrence-Geschichten da zur besonderen Delikatesse mausern?

 

Der Todesspieler Neues auch von Jeffery Deaver, dessen rasante Thriller sich prima wegknuspern lassen. Der Todesspieler heisst sein aktueller Roman (Blanvalet, Dt. von Thomas Haufschild). Deaver schickt mit Colter Shaw einen neuen Serienhelden ins Rennen: Shaw ist Prämienjäger, der sich - anders als Kopfgeldjäger - nicht an die Fersen Krimineller heftet, sondern vermisste Angehörige aufspürt, für deren Auffinden eine Belohnung ausgelobt wurde. Im "Todesspieler" ermittelt Shaw in der Computerspiel-Szene im Silicon Valley: Mehrere Teenager sind vermisst, und die Spuren des Falles führen zu einem Videospiel, in dem die Spieler allein an einem unwirtlichen Ort zurückgelassen werden und versuchen, mithilfe von fünf zufällig ausgewählten Gegenständen zu überleben. Die Doppelbödigkeit zwischen realer und virtueller Welt ist ein idealer Spielplatz für Thriller-Autor Jeffery Deaver, einem der großen Meister von Manipulation und Täuschung! Wir freuen uns auf kurzweilige Unterhaltung!

 

Aus dem Schatten des Vergessens Was gibt's noch auf dem herbstlichen Gabentisch? - Einen Krimi-Bestseller aus Kanada: Aus dem Schatten des Vergessens von Martin Michaud (Hoffmann und Campe, Dt. von Reiner Pfleiderer und Anabelle Assaf). Das Buch springt einen an mit einem wundersamen Story: mehrere Tote im heutigen Montreal, eiligst auf dem Friedhof vergrabene Dokumente, ein Obdachloser, der sich von einem Wolkenkratzer stürzt. Dann wird den ermittelnden Polizisten eine verstörende Aufnahme zugespielt, auf der die Stimme von Lee Harvey Oswald zu hören ist, dem Mann, der Präsident Kennedy erschoss. Neugierig geworden? Ich schon! Der Autor Martin Michaud ist Franco-Kanadier, "Aus dem Schatten des Vergessens" der dritte Band seiner Krimi-Reihe um Sergent-Détective Victor Lessard und seine Partnerin Jacinthe Taillon. Die beiden ersten Bände hat Michaud in Französischer Sprache verfasst, den jetzt vorliegenden dritten Teil, mit dem Hoffmann und Campe in die Serie springt, erstmals in englischer Sprache. Merkwürdig das, aber wohl dem Blick ins Portemonnaie und auf den deutlich größeren englischen Sprachraum geschuldet.

 

Real Tigers Eine weitere Kursiosität findet sich im druckfrischen Buch Real Tigers von Mick Herron, dem dritten Band um Agent Jackson Lamb und die Abservierten aus dem MI5 (Diogenes, Dt. von Stefanie Schäfer). "Die englische Ausgabe", heisst es im Impressum, "erschien 2017 bei John Murray (Publishers), London". Folgt man dem Katalog der British Library und diversen anderen Bibliotheks- und Buchhandelskatalogen, ist das Original aber bereits im Februar 2016 erschienen. Das wird der Freude an der Lektüre keinen Abbruch tun: Lambs Assistentin wird von einem ehemaligen Lover gekidnappt - der infame Akt dient dazu, an die Akte des Premierministers zu gelangen. Doch der Auftraggeber der Aktion und die Entführer selbst haben divergierende Interessen. "In Real Tigers", so der Verlagstext, "geht es um Rache und darum, wie gefährdet Daten im Hightech-Zeitalter sind. Es geht um Politik im weitesten Sinn. Um die Frustration und Bitterkeit derjenigen, deren Karrieren in einer Sackgasse stecken. Und darum, wie weit die Erfolgreichen zu gehen bereit sind, um andere am Erfolg zu hindern.". Schön - wir freuen uns auf spannende politische Lektüre mit Sarkasmus und schwarzem Humor.

 

Viele weitere Anregungen finden Sie in den Neuerscheinungen November 2020.

 

© j.c.schmidt, 2020

 

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