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James Crumley

Highways, Bars und schöne Frauen

 

One to Count Cadence

James Arthur Crumley, geboren am 12. Oktober 1939, bekennender Redneck und gleichzeitig ein brillanter Intellektueller, starb am 17. September 2008 in einem Krankenhaus in Missoula, Montana. Auch wenn ihm der große (kommerzielle) Durchbruch beim Publikum verwehrt geblieben ist, ist Crumleys Einfluss auf die moderne Kriminalliteratur erheblich: Michael Connelly, Dennis Lehane, George Pelecanos und diverse andere Krimi-Autoren der jüngeren Generation benennen ihn immer wieder als wichtigen Einfluss, der große Ray Bradbury schuf mit "Detective Crumley" sogar eine Figur, die nach ihm benannt wurde.

James Crumley wird 1939 in Three Rivers, im Süden von Texas, geboren. Er wächst auf in bescheidenen Verhältnissen: Sein Vater arbeitet in der Ölindustrie, die Mutter verdingt sich als Kellnerin. James Crumley ist von Büchern fasziniert, mit drei Jahren bringt er sich selbst das Lesen bei. Doch das Ambiente im Süden ist rauh: Als Junge - so beschreibt es Crumley - lässt man sich mit einem Roman in der Hand so ungern erwischen wie beim Onanieren. Er besucht das Georgia Institute of Technology (artgerecht nicht mit einem Literatur-, sondern mit einem Football-Stipendium), dient in der Army und graduiert 1964 an der Texas Arts and Industries University im Fach Geschichte. Er beginnt zu schreiben und erregt die Aufmerksamkeit eines Dozenten, auf dessen Vermittlung Crumley am berühmten Writer's Workshop der University of Iowa landet, an der er 1966 seinen Master-Abschluss macht. Als Examensarbeit reicht Crumley den ersten Teil seines Romans "One to Count Cadence" ein, der 1969 veröffentlicht wird - ein Kriegsroman, der von Kritikern später in einem Atemzug mit "From Here to Eternity" oder "Catch 22" genannt wird. "One to Count Cadence" entwickelt sich nicht zu einem Bestseller, schafft es aber immerhin zum Longseller, der über die nächsten vier Jahrzehnte immer wieder neu aufgelegt wird.

The Wrong Case

Crumleys Leben in jener Zeit verläuft unstet: Zwei Ehen scheitern binnen kurzem, er übernimmt mehrere Dozentenstellen und schreibt nebenbei an einem neuen Roman, den er nie beenden wird. Rastlos zieht er umher - er lebt in Montana, Arkansas, Colorado, im Staat Washington, und kehrt schließlich nach Montana zurück. Sein Debüt "One to Count Cadence" bringt wohlwollende Besprechungen, aber kein Geld - die Jahre nach Crumleys Erstlingsroman sind auch literisch von Orientierungslosigkeit geprägt. Eine Zufallsbekanntschaft schließlich weist Crumley einen neuen Weg - die zufällige Begegnun mit Raymond Chandler: "Ein Freund warf mir vor, ihn (Chandler, Anm. d. Verf.) niemals gelesen zu haben. Eines Tages stieß ich in einem Laden auf seine Bücher, die gerade neu aufgelegt wurden. Ich habe mir eins genommen, und ich bin süchtig geworden. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, einen Krimi zu schreiben, hätte ich nicht Chandler gelesen." (1).

1975 erscheint "The Wrong Case", Crumleys erster Roman mit Milton Chester Milodragovitch, einem heruntergekommenen Privatdetektiv, den kürzlich erlassene liberalere Scheidungsgesetze um einen großen Teil seiner Kundschaft brachten. Milo vertreibt sich das Warten auf ein beträchtliches Erbe, dass ihm fatalerweise erst nach Überschreiten der Lebensmitte zufallen soll, mit kontemplativen Alkoholmissbrauch. Er nippt gerade an seinem dritten Drink des Tages, als eine schöne Frau sein Büro in Meriwether, Montana, betritt, ihn mit der Suche nach ihrem verschwundenen Bruder betraut und den Privatdetektiv in einen Fall verwickelt, der für Milo definitv zum falschen wird.

The Last Good Kiss

Drei Jahre später, 1978, erscheint mit "The Last Good Kiss" ein weiterer Krimi Crumleys, diesmal mit dem Privatdetektiv Chauncey Wayne Sughrue, ebenfalls aus Montana. Sughrue - der ungewöhnliche Name ist eine Verbeugung an einen berühmten Sheriff der legendären Wild-West-Stadt Dodge City - soll einen Schriftsteller finden, der sich auf einer gewaltigen Sauftour quer durch den Westen der USA befindet (mit seiner nicht minder schnapssüchtigen Bulldogge). Doch als der Privatdetektiv seine Beute an einem der namenlosen Tresen stellt, ist die Odyssee noch längst nicht vorbei: Für lumpige 87 Dollar Honorar erklärt sich Sughrue bereit, nach der seit langen Jahren verschwundenen Tochter der Barbesitzerin zu suchen.(2)

Milodragovitch und Sughrue werden Crumley durch die folgenden drei Jahrzehnte begleiten (und einander 1996 in "Bordersnakes" begegnen). Der Rahmen der Crumley-Krimis sind erkennbar chandleresk, oder, wie Crumley sich ausdrückt: "Ich habe die schlechte Angewohnheit, die Anfänge von Chandler zu klauen." (3). Doch während Chandler literarisch durch die mean streets der Großstadt Los Angeles streift, fahren Crumleys Figuren in verbeulten Autos über die endlosen Highways, die die bewaldeten Berge Montanas zerschneiden. Und er mixt einen ganz eigentümlichen Cocktail aus Poesie, Gewalt, Drogen und Sex, der das moralische Universum Amerikas nach dem Vietnam-Desaster gewaltig erschüttert. Crumleys rauhbeinige Figuren sind Anti-Helden, Säufer und Kokser in einer Welt voller Outcasts und Outlaws, die nach den Kriegserfahrungen - Korea und Vietnam - den Glauben an was auch immer verloren haben. "Die Sechzigerjahre", so Crumley ohne erkennbare Spur von Sentimentalität, "waren eine großartige Epoche, jeder glaubte an irgendwas, was heute nicht wirklich noch der Fall ist." (4).

Ökonomisch hat sich James Crumleys Lage kaum verbessert. Das Unterrichten ist ihm verhasst, er ist aber weiterhin auf die Dozentenstelle an der University of Montana angewiesen. Einen Teil der Tantiemen aus seinen Romanen, allesamt zu verschroben, um in die oberen Bestsellerränge einzufahren, hat er in Alkohol umgesetzt. Nach weiteren gescheiterten Ehen und den fälligen Alimenten übernimmt er gelegentlich Arbeiten für die Filmindustrie in Hollywood, aber nicht eine einzige Zeile seiner Scripte und Bearbeitungen wird tatsächlich umgesetzt. Als seine Gesundheit Anfang des neuen Jahrtausends merklich unter seinen langjährigen Exzessen leidet, kann er die finanziellen Mittel für die Behandlung nicht mehr aufbringen. Freunde und ehemalige Studenten aus Montana rufen zu Spenden auf.

"Wenn selbst die Barmänner ihre Romantik verlieren", schrieb Crumley, "wird es Zeit für eine bessere Welt. Oder wenigstens eine andere Bar.". Famous last words, möchte man hinzufügen.

 

Quellen und Links:

(1) Jean-François Pluijgers: Du Texas au Montana. La libre Belgique, 06.06.2002.
Der Freund, der Crumley zu Chandler führte, war der Lyriker Richard Hugo. Hugo unterrichtete wie Crumley an der University of Motana und veröffentlichte 1981 mit Death and the Good Life selbst einen Kriminalroman. In Crumleys Romanen gibt es diverse Anspielungen auf und Zitate aus Hugos Werk, so stammt etwa auch der Titel des zweiten Romans "The Last Good Kiss" aus einem Hugo-Gedicht.

(2) Für seinen zweiten Roman hätte Crumley seine Figur Milodragovitch nicht verwenden dürfen: Der Autor hatte einen Hollywood-Vertrag unterschrieben, der ihm eine erfreuliche Geldsumme einbrachte, aber die Verwendung der Figur für einige Jahre untersagte.

(3) Rencontre avec James Crumley à la librairie Ombres Blanches à Toulouse le 1 juin 2002. Débat animé par Claude Mesplède, Propos recueillis et retranscrits par Jean-Marc Laherrère. Das Protokoll der Diskussion war mal zu finden unter http://www.mauvaisgenres.com, die Seite wurde mittlerweile eingestellt.

(4) Vgl. Anm. 1

Maxim Jakubowski: Goodbye to Jim Crumley. Guardian, 23. September 2008, online unter
http://www.guardian.co.uk/books/booksblog/2008/sep/23/jim.crumley.crime

Martin Compart: On the Noir Road. Oder: Wie ein US-Krimiautor seine literarischen Asphalt-Cowboys auf dem Weg in die Katastrophe begleitet. Evolver, 24.06.2004, online unter
http://www.evolver.at/stories/Die_schmutzigen_Strassen_des_James_Crumley/.

 

Bibliographie

 

One to Count Cadence
[New York: Random House, 1969]
[London: Picador, 1994]
1969
The Wrong Case
(Milodragovich)
[New York: Random House, 1975]
[London: Hart-Davis MacGibbon, 1976]
1975 Schöne Frauen lügen nicht
[München: Piper, 1998]
The Last Good Kiss
(Sughrue)
[New York: Random House, 1978]
[London u.a.: Granada, 1979]
1978 Der letzte echte Kuß
[München: Goldmann, 1980]
The Dancing Bear
(Milodragovich)
[New York: Random House, 1983]
[Harmondsworth: Penguin, 1987]
1983 Der tanzende Bär
[München: Goldmann, 1989]
[München: Goldmann, 1985 unter dem Titel
Kerle, Kanonen und Kokain]
The Muddy Fork (1)
[Northridge, Ca.: Lord John Press, 1984]
1984
The Pigeon Shoot. A Screenplay (2)
[Santa Barbara, CA: Neville, 1987]
1987
Whores (3)
[Missoula, Mt.: Dennis McMillan, 1988]
1988
The Muddy Fork & Other Things (1)
Short Fiction and Nonfiction
[Livingston, Mt.: Clark City Press, 1991]
[Harmondsworth: Penguin, 1987]
1991
The Mexican Tree Duck
(Sughrue)
[New York: Mysterious Press, 1993]
[London: Picador, 1994]
1993 Tequila Blues
[München: Goldmann, 1996]
Bordersnakes
(Milodragovich und Sughrue)
[New York: Mysterious Press, 1996]
[London: HarperCollins, 1996]
1996 Jeder gräbt sein eignes Grab
[München: Piper, 1998]
The Mexican Pig Bandit (4)
[Mission Viejo, CA: A.S.A.P, 1998]
1998
The Putt at the End of the World (5)
[New York: Warner, 2000]
2000
The Final Country (6)
(Milodragovich)
[Sun City, AZ: Dennis McMillan, 2001]
[New York: Mysterious Press, 2001]
[London: HarperCollins, 2002]
2001 Land der Lügen
[Berlin: Shayol, 2007]
The Right Madness
(Sughrue)
[New York: Viking, 2005]
[London: HarperCollins, 2005]
2005

 

(1) »The Muddy Fork« erschien 1984 in einer Sonderauflage von 200 Exemplaren, alle nummeriert und signiert. Diese Ausgabe war nicht im freien Verkauf erhältlich. Soweit wir wissen, ist die Ausgabe von 1991 ist weder im Umfang noch im Inhalt identisch mit der von 1984, daher finden Sie hier zwei Einträge.

(2) Ein Drehbuch, aus dem nie ein Film geworden ist.

(3) Eine Sonderauflage von 475 Exemplaren, alle signiert.

(4) Auflage 300 Exemplare, ebenfalls nummeriert und signiert.

(5) Ein Kettenroman, an dem neben James Crumley noch Richard Bausch, Ridley Pearson, James W. Hall, Tami Hoag, Dave Barry, Tim O'Brien, Les Standiford und jemand weiteres mitwirkten, der/die es vorzog, anonym zu bleiben. Crumley zeichnet für das neunte Kapitel verantwortlich.

(6) Der Roman ist ebenfalls zuerst in einer kleinen Auflage von vierhundert Exemplaren erschienen, alle Exemplare nummeriert und signiert.

 

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