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James Ellroy

 

Ein langer Weg nach Kansas City

 

James Ellroy Am Anfang hat sein Lebensweg nur eine Richtung - steil abwärts. Geboren wird Lee Earle Ellroy am 4. März 1948, sein Vater Armand Ellroy verliert bald seinen Posten als Manager der Filmdiva Rita Hayworth und arbeitet ohne Zulassung als Buchhalter in zwielichtigen Jobs. Die Mutter Jean Ellroy, geborene Geneva Hilliker, ist eine ehemalige Schönheitskönigin aus dem Mittleren Westen, die ihre unerfüllten Hoffnungen auf eine Filmkarriere mit Early Times Bourbon ertränkt und ausbleibendem Starruhm durch diverse Liebhaber kompensiert. Sie verdingt sich als Krankenschwester. Nach jahrewährenden Streitereien und Handgreiflichkeiten lassen sich Armand und Jean Ellroy 1954 scheiden. Gegen den erklärten Willen des Kindes bekommt die Mutter das Sorgerecht: In der Woche lebt James bei ihr in El Monte, einem bescheidenen Stadtteil von Los Angeles, die Wochenenden verbringt er bei seinem Vater.

Es ist Sonntag, der 22. Juni 1958. Ein paar Kids einer Jugendbaseballmanschaft finden die halbnackte Leiche einer Frau, die Opfer eines Sexualverbrechens und mit einem Nylonstrumpf erwürgt wurde. Lee Earle, gerade zehn Jahre alt, ist auf dem Weg von seinem Vater zurück zum Appartment der Mutter, als ein großer Polizist auf ihn zukommt und sich zu ihm runterbeugt: "Sohn, deine Mutter wurde ermordet.". Bei dem Jungen keine Spur von Trauer: Damals, so Ellroy, habe er "Erleichterung" empfunden, ein Gefühl der "Befreiung von dieser Frau, die ich hasste.".(1)

Künftig lebt Ellroy bei seinem Vater, der gesundheitlichen aber so angeschlagen ist, dass der Teenager früh mit in die Verantwortung gezogen wird. Ellroy stiehlt Lebensmittel, in der Schule fällt er mit rassistischen und antisemitischen Parolen auf. Die ausbleibende Trauer über den Tod der Mutter kompensiert er mit einem anderen Mordfall, der sich immer tiefer in sein Bewusstsein frisst: In dem Buch »The Badge« von Jack Webb - ein sensationslüsternes Werk über das L.A. Police Department, das ihm sein Vater zum Geburtstag schenkt - stößt Ellroy auf den ungeklärten Mordfall an Elizabeth Short, genannt die "Schwarze Dahlie". Auch Elizabeth Short war eine betörende Schönheit aus der Provinz und hoffte auf Glanz und Ruhm in Hollywood. Die grausig verstümmelte Leiche der jungen Frau wurde 1947 auf einem Baugrundstück in Los Angeles gefunden.

Elizabeth Short Mehr noch als der Mord an der eigenen Mutter löst der Fall der "Schwarzen Dahlie" in ihm eine Obsession für Gewalt und Verbrechen aus. Ellroy liest rasend viele Kriminalromane und True-Crime-Berichte und kommt immer wieder auf den Mord an Elizabeth Short zurück: Tagsüber phantasiert er über die Schauspielerin, nachts plagen ihn Alpträume. Häufig fährt er zu der Stelle, an der ihre Leiche gefunden wurde, später besucht er ihr Grab und meint, sich wahrhaftig in die Tote verliebt zu haben.

1965 heuert Ellroy bei der US Army an. Ein paar Wochen später erkrankt sein Vater schwer - der junge Soldat simuliert geistige Labilität und wird nach einer Untersuchung in Unehren entlassen. Als sein Vater stirbt, ist der Siebzehnjährige Vollwaise - nur ein paar Dollar in der Tasche und ohne Unterkunft. Die folgenden zehn Jahre seines Lebens sind gekennzeichnet durch Obdachlosigkeit, schmierige Jobs, Alkohol- und Drogenmissbrauch, diverse kriminelle Delikte und mehrere Aufenthalte im Bezirksgefängnis. Das armselige Leben kulminiert in einer eigentümlichen sexuellen Obsession: Eine Weile lang steigt Ellroy nachts in die Wohnungen meist älterer Frauen ein und schnüffelt an ihrer Unterwäsche.

Mitte der Siebziger Jahre ist Ellroy so weit unten angekommen, dass er tiefer kaum noch sinken kann. Als er 1975 mit einer schweren Psychose ins Krankenhaus eingeliefert wird, hat ihn der exzessive Drogenkonsum so zerstört, dass er sich kaum seines Namens erinnert. 1977 stirbt er fast ein einer doppelseitigen Lungenentzündung. Dem Tod nur knapp entronnen, beschließt Ellroy, sein Leben endlich zu ändern: Mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker legt er sich trocken und bekommt bald darauf einen passablen Job als Golf-Caddy.

Brown's Requiem "Als ich mit dem Trinken und den Drogen aufhörte," erinnert sich Ellroy, "merkte ich, dass das, was ich vorher immer suchte, eine Identität war. Ich wollte ein Schriftsteller sein. Ich wollte fähig sein, nach außen ein gutes Bild abzugeben und damit Frauen zu verführen.". (2) Sechs Tage in der Woche schleppt Ellroy Golftaschen übers edle Grün und träumt dabei von einem eigenen Buch, in seiner Freizeit frisst er nach wie vor ungezählte Kriminalromane weg. Im Januar 1979 beginnt Ellroy, tatsächlich zu schreiben und es gelingt ihm, gleich sein erstes Manuskript zu verkaufen. »Browns Grabgesang« erscheint 1981 und verschafft dem Autor, der die Grenze der Selbstzerstörung schon überschritten hatte, ein neues Leben.

»Browns Grabgesang« ist ein geradliniger hardboiled Roman über die weiße kalifornische Unterklasse. Ellroys Hauptfigur ist der alkoholsüchtige Ex-Cop Fritz Brown, der seinen Lebensunterhalt offiziell als Privatdetektiv, tatsächlich aber als Repo-Mann eines Autohändlers verdient (der Autor hatte in den späten 60ern selbst für kurze Zeit im Repo-Business gearbeitet). Eines Tages bittet ihn der Caddy Freddy 'Fat Dog' Baker, den Lebensgefährten seiner erst 17jährigen Schwester zu überprüfen, der in windige Geschäfte verwickelt ist - auch mit Haywood Cathcart, Browns altem Vorgesetzten aus dem Hollywood Police Department, der maßgeblich seine Entlassung aus dem Polizeidienst betrieb. Der Fall um Mord, Brandstiftung und die Veruntreuung von Sozialgeldern wird immer mehr zu Browns persönlichem Rachefeldzug.

Ellroys zweiter Roman »Heimlich« erscheint 1982 und nimmt einige Elemente vorweg, die für seine spätere Arbeit kennzeichnend werden: Das Buch erzählt keinen zeitgenössischen Stoff, sondern führt zurück in das Los Angeles der frühen Fünfziger Jahre. Der Mordfall, den der junge, ehrgeizige Cop Freddie Underhill in dem Buch lösen will, hat kaum verborgene Ähnlichkeiten mit dem Mord an Ellroys Mutter (3). Und erstmals tritt mit dem Polizisten Dudley Smith in einer Nebenrolle eine Figur auf, die in dem berühmten L.A. Quartet eine wichtige Rolle spielen wird.

Clandestine Ellroys Schreibe bewegt sich zunächst in der Tradition von Dashiell Hammett, Mickey Spillane, Jim Thompson und Ross MacDonald. Er verleiht der Stadt Los Angeles ein eigentümliches Antlitz, wie es seit Raymond Chandler (den Ellroy nicht zu seinen Vorbildern zählt) wohl keinem Krimiautoren gelungen ist. Den richtigen Sound zum Schauplatz findet Ellroy allerdings erst, als er seiner Stadt den Rücken kehrt - 1981, nach Vollendung von »Browns Grabgesang«, zieht er ins Westchester County im Staat New York, später weiter nach Connecticut.

In der folgenden Zeit entdeckt Ellroy sein Interesse für Serienverbrecher. In der Lloyd Hopkins-Trilogie wählt der Autor die Konstellation Mastermind gegen Mastermind - Genie des Bösen gegen Genie des Guten, wobei der irischstämmige, promiske, hochintelligente Cop Lloyd Hopkins kaum weniger soziopathisch erscheint als seine Gegenspieler. Wegen seines unbändigen Gewaltpotentials würden ihn die Vorgesetzten am liebsten dienstunfähig schreiben und teilen Hopkins später nur noch Fälle zu, in denen er am wenigsten Schaden anrichten kann. Doch Ellroy verliert bald das Interesse an seiner Serien-Figur - statt der ursprünglich geplanten fünf Romane stellt er die Reihe nach drei Titeln wieder ein. 1986 folgt mit »Stiller Schrecken« ein verstörender Standalone, ein aus der Ich-Perspektive erzählter Serienkiller-Roman.

Vielleicht liegt es an der exzessiven Gewalt (häufig gegen Frauen), den psychopathischen Figuren beiderseits des Gesetzes oder an der lakonischen, rasiermesserscharfen Sprache - nach mehreren veröffentlichten Romanen und durchaus wohlmeinenden Kritiken kann Ellroy von seinen Büchern allein nicht leben. Ellroys Romane verweigern sich dem one person against the system-Muster, dem viele traditionelle Hardboiled-Romane seit Hammett und Chandler folgen. Seine Figuren sind keine Rebellen, sondern Teil des (Unrechts-)Systems. Auch im Staat New York arbeitet Ellroy weiter als Caddy. Das Blatt wendet sich Mitte der Achtziger Jahre, als seine Bücher übersetzt werden und sich vor allem in Europa erfolgreich verkaufen. In Deutschland erschließt er schnell sein Publikum, bald darauf auch in Frankreich (wo Ellroy heute fast kultische Verehrung entgegengebracht wird).

The Black Dahlia James Ellroy hat mehrfach seinen Ehrgeiz zu Protokoll gebracht, der größte Kriminalschriftsteller aller Zeiten werden zu wollen. Der erste Teil des Weges ist im Dezember 1986 mit dem Thriller »Stiller Schrecken« abgeschlossen - Ellroy hat sich bis dahin als stilistisch sicherlich exzentrischer, inhaltlich hingegen eher konventioneller Kriminalschriftsteller etabliert. Seit 1985 arbeitet er an einem neuen Projekt: einem Roman über den Mord an Elizabeth Short, der "Schwarzen Dahlie", der ihn seit knapp dreißig Jahren gefangen hält. Gewidmet ist das Buch seiner ermordeten Mutter - nicht nur sichtbares Zeichen dafür, wie sehr die beiden historischen Kriminalfälle in seinem Kopf verschmolzen sind, sondern auch ein ganz nüchterner Marketingcoup, wie sich später zeigen wird. »Die schwarze Dahlie« beschert James Ellroy 1987 den absoluten Durchbruch und genießt noch heute den Ruf als eines der spektakulärsten Werke des Genres überhaupt. Der Roman ist komplex und von erschreckender Schonungslosigkeit, ein deliranter Thriller aus den Tiefen seines Unterbewußtseins.

Während seiner Arbeit an der »Schwarzen Dahlie« schält sich die Idee zu einem Thriller-Zyklus über das historische Los Angeles heraus, genauer: über die Polizei der Stadt von 1947 bis 1959. "Die Polizeitruppe von L.A. fasziniert mich. Es ist eine derart unbändige Institution. Tatsächlich wurde sie als Besatzungsmacht aufgebaut. Es sollte eine militärische Präsenz sein. Das waren Soldaten, keine Polizisten." (4).

L.A. Confidential Er stürzt sich in die Arbeit zu seinem "LA-Quartet", deren Bände bis 1992 erscheinen. Neben der »Schwarzen Dahlie« wird »Stadt der Teufel« (1990) zu einem herausragenden Teil der Reihe - ein manisches Buch mit ungezählten Figuren, das in drei ebenso verbandelten wie verfeindeten Cops seinen Brennpunkt findet. Ellroy erzählt von "bösen, weißen Männern, die böse Dinge im Namen des Gesetzes tun" (5). Er beschreibt seine Figuren obszön und obsessiv, aber der häufig wiederkehrende Glorifizierungsvorwurf lässt sich in den Texten selbst nur schwer belegen. Ellroy lässt den Leser allein mit korrupten, rassistischen und frauenfeindlichen Charakteren - er weigert sich, das Los Angeles der späten Vierziger und der Fünfziger Jahre "in einen politisch korrekten Ort umzudeuten, wo Frauen - wie seine tote Mutter - hätten überleben können", wie Bruce Kirkland schreibt. (6). Die erzählerische Distanzlosigkeit ist Teil des Projekts: Ellroy will "sein" historisches Los Angeles in furioser Weise zum Leben erwecken und nicht bloß in dokumentarischen Zeugnissen ablichten. So wird der Leser in den Sog des Geschriebenen gezogen: "Diese Bücher muss man erleben, nicht erklären", wie es der englische Journalist Paul Duncan auf den Punkt bringt. (7)

Seit Beginn seiner Karriere zeigt Ellroy, dass er wie kaum ein anderer Autor des Genres die Gabe besitzt, messerscharf in die Köpfe von Psychopathen und Monstern zu schauen. Mit den Jahren indes entfernt sich der "Höllenhund der Kriminalliteratur", wie ihn seine Fans taufen, immer weiter von den Regeln klassischer Thriller respektive Kriminalromane. Ellroys Werke entwickeln sich zunehmend zu komplexen Gesellschafts- und Epochenportraits. Mit einer eigenwilligen Mischung aus Fakt und Fiktion wütet er an der Schnittstelle von Politik und Verbrechen: Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung ist der Roman »Ein amerikanischer Thriller« von 1995 - Auftakt eines neuen Projekts, das Ellroy in Anspielung an einen Film von Sam Fuller mit "Underworld USA" überschrieb.

American Tabloid Zeitlich schließen die Underworld-Romane an das Quartet an: »Ein amerikanischer Thriller« deckt die Zeit von 1958 bis zum Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 ab. Der zweite Band, »Ein amerikanischer Albtraum«, der 2001 erscheint, erzählt von den folgenden fünf Jahren - mit den Mordanschlägen auf Martin Luther King und Robert Kennedy als geschichtlichen Eckpfeilern. "Beide Bücher", sagt James Ellroy in der Welt am Sonntag, "spielen in einer Zeit, in der die Medien noch nicht so einflussreich waren wie heute. Damals konnten die Mächtigen im Namen des Antikommunismus tun, was immer sie wollten. Und niemand machte sie für ihr Handeln verantwortlich. Sie kamen immer davon. Ich bezeichne diese Macht-Typen als die Knochenbrecher der Geschichte - fanatische Antikommunisten und Rassisten." (8).

»Ein amerikanischer Thriller« wird seit seinem Erscheinen 1995 häufig mit »Stadt der Teufel« verglichen: Wieder fokussiert Ellroy seine überbordende Geschichte mit ungezählten Charakteren auf drei (männliche) Protagonisten, die sowohl mit- als auch gegeneinander kämpfen. Beide Romane eint die eigenwillige Mischung aus Fakt und Fiktion, mit der Ellroy historische Figuren - Hughes, Hoover, Hoffa und viele mehr - historisch nicht belegte Dinge tun lässt. Und dennoch gehören die Werke des Quartets nicht in eine Reihe mit der Underworld-Trilogie, denn Ellroy - der einst der größte Kriminalschriftsteller aller Zeiten werden wollte - hat sich nach dem Quartet ausdrücklich von der Kriminalliteratur verabschiedet:

"Nachdem ich die Bücher des LA-Quartets geschrieben hatte, traf ich die bewusste Entscheidung, niemals mehr ein Buch zu schreiben, das sich als Kriminalroman oder Thriller klassifizieren ließe. Ich wollte ein historischer Romancier werden. Das habe ich mit »Ein amerikanischer Thriller« und »Ein amerikanischer Albtraum« umgesetzt. Darin liegt das große Ziel für den Rest meiner Karriere - die amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts neuzubeleben mit den Mitteln der Literatur."(9).

The Cold Six Thousand Ellroy ist beinahe besessen von der jüngeren Vergangenheit der USA - die Gegenwart interessiert ihn kaum. »Ein amerikanischer Albtraum«, so Ellroy, beschreibt den letzten Atemzug eines Amerikas, das sich der Öffentlichkeit gegenüber nicht in der Verantwortung sieht - eines Amerikas, "in dem das anti-kommunistische Mandat praktisch jede Handlung rechtfertigt. Und es war nicht Kennedys Tod, der das Misstrauen der Massen erzeugte. Das war der langjährige Schrecken des Vietnamkrieges." (10). Ellroy erinnert daran, dass die Geschichte Amerikas wesentlich nicht von Freiheitsliebe und Gerechtigkeit geprägt ist, wie es in den Sonntagsreden immer wieder beschworen wird, sondern von Rassismus, Antikommunismus, Hass und blutrünstiger Gewalt. Die enge Verbindung zur Kriminalität ist für ihn nicht den Staatsorganen und -repräsentanten vorbehalten, sondern gilt auch für die Protestbewegung. So zermalmt Ellroy in seinen Romanen "alle Vorstellungen von den sechziger Jahren als Zeit der nicht korrumpierten Politik, er zieht Verbindungen vom organisierten Verbrechen zu Staatsorganen und zur Bürgerrechtsbewegung, er erzählt seine Fassung der Geschichte, bis nur noch irrsinnige Paranoia und nacktes Entsetzen übrig bleiben." (11). Der dritte Teil des Underworld-Zyklus, dessen Titel noch nicht feststeht, soll die Jahre bis zur Watergate-Affäre abdecken. Auch danach ist Ellroys Agenda schon belegt: Er plant einen umfassenden historischen Roman über die Staatspolizei von Wisconsin.

Nach dem Quartet übrigens hat sich Ellroy nicht nur offiziell von der Kriminalliteratur verabschiedet, sondern auch von seinem Schauplatz Los Angeles. Nur einmal noch kehrt Ellroy mit seiner Arbeit in die Stadt der Engel, die er zur Stadt der Teufel umschrieb, zurück - und zu seiner persönlichen Geschichte: Im Jahre 1994 erzählt im ein befreundeter Zeitungsreporter von der Idee zu einem Sachbuch über fünf ungelöste Mordfälle in Los Angeles, darunter auch der Fall Geneva Ellroy. Zu dem Zwecke wolle er, der Journalist, bei der Mordkommission die Akten sichten. Ein paar Worte nur, aber sie lösen etwas aus. Ellroy: "Er wird sich die Unterlagen über meine Mutter ansehen, was ich selbst nie getan habe. Ich kam zu dem Entschluss: Scheiße, ich muss diese Akte selbst lesen.". (12)

My Dark Places Ellroy hat seine eigene Vergangenheit immer zu Promotionszwecken benutzt, sich ihr aber nicht gestellt. Der Mord an seiner Mutter "war genau die Geschichte, auf die Journalisten immer abfahren. Ich habe sie benutzt. Ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, den Mord an ihr auf schmierige Weise auszunutzen und es hat prima funktioniert.". (13) In Los Angeles trifft er den pensionierten Polizisten Bill Stoner, mit dem er gemeinsam alle Unterlagen sichtet und, so sie noch leben, Zeugen und Angehörige befragt. Die Untersuchung führt zwar nicht zur Überführung eines Täters, aber versöhnt Ellroy nach rund vierzig Jahren mit seiner Vergangenheit. Und seiner Mutter: "In den 70ern war ich ein Mann, der trank, Drogen nahm und rumhurte. Sie war eine Frau, die das gleiche in den 50ern machte. Ich hatte merkwürdige sexuelle Neigungen. Sie nicht. Ich war in einem alarmierenden gesundheitlichen Zustand, was mich dazu antrieb, wieder solide zu werden. Auch sie hätte so einen Wandel in ihrem Leben vollziehen können, wäre sie nicht dem Scheißkerl begegnet, der sie getötet hat." (14)

Ellroy bringt seine Ergebnisse über den Mord an der Mutter in dem autobiographischen Werk »Die Rothaarige« 1996 zu Papier - das erste Buch, das tatsächlich Geneva Ellroy gewidmet ist. Inszenierungen allerdings liebt der Autor nach wie vor: Auf seinen Lesungen gefällt er sich darin, das Publikum als Höschenschnüffler zu bezeichnen und zu heulen, als wäre er wirklich der "Höllenhund der Kriminalliteratur". Beim anschließenden Signieren seiner Werke wieder gibt er sich ganz gentlemanlike und nimmt sich für jeden seiner Leser soviel Zeit wie kaum ein anderer Schriftsteller.

Seit 1995 lebt James Ellroy mit seiner zweiten Frau, der Filmkritikerin Helen Knode, in Mission Hills, einem ruhigen und wohlhabenden Vorort von Kansas City. Die Stadt ist das Herz des langsamlebigen, eher konservativen Amerikas, aber Ellroy schätzt die friedliche Gegend als Ausgleich zu seinem Büchern voller Gewalt. Gattin Helen Knode übrigens hat jüngst ebenfalls einen Ausflug ins Krimigenre gewagt: Im Jahre 2002 debütierte sie mit dem Thriller »The Ticket out«.

In einem Chat mit dem Time-Magazine wurde James Ellroy mal gefragt, ob Amerikaner von Gewalt besessen und Verbrecher romantisieren würden. Seine Antwort kam staubtrocken: "Ja. Verbrechen ist wie Jazz - Amerikaner könnens am besten." (15).

© j.c.schmidt, 2004

 

Mehr zu James Ellroy bei kaliber .38 finden Sie in dem Artikel Ein amerikanisches Missgeschick von Matthias Penzel.

Krimi-Autor Jörg Juretzka hat uns eine Rezension des Ellroy-Romans »Ein amerikanischer Albtraum« zur Verfügung gestellt, die den Titel Mit der Brechstange trägt.

 

Standalones:
Brown's Requiem
[New York: Avon, 1981]
[London: Allison & Busby, 1984]
1981 Browns Grabgesang
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1986]
Clandestine
[New York: Avon, 1982]
[London: Allison & Busby, 1984]
1982 Heimlich
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1986]
Silent Terror
[New York: Avon, 1986]
[London: Arrow, 1990]
[New York: Avon, 1990 unter dem Titel » Killer on the Road«]
1986 Stiller Schrecken
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1989]

 

Lloyd Hopkins-Serie:
Blood On The Moon
[New York: Mysterious Press, 1984]
[London: Allison & Busby, 1985]
1984 Blut auf dem Mond
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1986]
Because The Night
[New York: Mysterious Press, 1984]
[London: Century, 1987]
1984 In der Tiefe der Nacht
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1987]
Suicide Hill
[New York: Mysterious Press, 1986]
[London: Century, 1988]
1986 Hügel der Selbstmörder
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1987]

 

L.A. Quartet:
The Black Dahlia
[New York: Mysterious Press, 1987]
[London: Century, 1988]
1987 Die Schwarze Dahlie
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1988]
The Big Nowhere
[New York: Mysterious Press, 1988]
[London: Mysterious Press, 1989]
1988 Blutschatten
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1989]
L.A. Confidential
[New York: Mysterious Press, 1990]
[London: Mysterious, 1990]
1990 L.A. Confidential - Stadt der Teufel
[Frankfurt/M.: Ullstein, 1991 unter dem Titel »Stadt der Teufel«]
White Jazz (16)
[London: Century, 1992]
[New York: Knopf, 1992]
1992 White Jazz
[Berlin: Ullstein, 1998]
[Bergisch Gladbach: Bastei-Verlag Lübbe, 1994]
[Hamburg: Hoffmann und Campe, 1992]

 

Second L.A. Quartet:
Perfidia
[New York: Alfred A. Knopf, 2014]
[London: William Heinemann, 2014]
2014 Perfidia
[Berlin: Ullstein, 2015]

 

Underworld USA:
American Tabloid
[New York: Knopf, 1995]
[London: Century, 1995]
1995 Ein amerikanischer Thriller
[Berlin: Ullstein, 1998]
[Hamburg: Hoffmann und Campe, 1996]
Cold Six Thousand
[New York: Knopf, 2001]
[London: Century, 2001]
2001 Ein amerikanischer Albtraum
[Berlin: Ullstein, 2001]
Blood's a Rover
[New York: Knopf, 2009]
[London: Century, 2009]
2009 Blut will fließen
[Berlin: Ullstein, 2010]

 

Sachbuch / Autobiographie:
My Dark Places
[New York: Knopf, 1996]
[London: Century, 1996]
1996 Die Rothaarige
[Berlin: Ullstein, 1999]
[Hamburg: Hoffmann und Campe, 1997]
The Hilliker Curse
[New York: Knopf, 2010]
[London: Heinemann, 2010]
2010 Der Hilliker Fluch
[Berlin: Ullstein, 2012]
Conversations with James Ellroy
(ed. by Steven Powell)
[Jackson: University Press of Mississippi, 2012]
2012

 

Collections:
Murder and Mayhem. An A-Z of the world's most notorious killers (ed. by J.E.)
[London: Arrow, 1992]
1992
Hollywood Nocturnes (17)
[New York: O. Penzler Books, 1994]
[London: Arrow, 1994 unter dem Titel » Dick Contino's Blues and other Stories«]
1994 Hollywood, Nachtstücke
[München: Ullstein, 2002]
[Hamburg: Hoffmann und Campe, 2000]
Crime Wave.
Reportage and Fiction from the Underside of L.A.
[New York: Vintage, 1999]
[London: Century, 1999]
1999 Crime Wave.
Auf der Nachtseite von L.A.
[Berlin: Ullstein, 1999]
The Best American Mystery Stories
(ed. by J.E.)
[Boston: Houghton Mifflin, 2002]
2002
Destination: Morgue (18)
[New York: Vintage, 2004]
[London: Century, 2004]
2004 Endstation Leichenschauhaus
[Berlin: Ullstein, 2005]
The Best American Noir of the Century
(ed. by J.E. and Otto Penzler)
[London: Windmill Books, 2011]
[Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2010]
2010

 

Sammelbände:
L.A. Noir (19)
[London: Arrow, 1997]
[New York: Mysterious Press, 1998]
1997 L.A. Noir. Die Lloyd Hopkins-Trilogie
[Berlin: Ullstein, 1998]
Dudley Smith-Trio(20)
[London: Arrow, 1999]
1999

 

(1) James Ellroy: In His Own Words. Unter:
http://www.randomhouse.com/vintage/ellroy/qna.html
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(2) The Sub-Definitive Ellroy on Ellroy. The collected soundbites of James Ellroy. Unter
http://www.richmondreview.co.uk/features/ellsound.html
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(3) Eigentümlicherweise hat der Täter im Roman eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Ellroys leiblichen Vater: "Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe", gibt Ellroy später zu Protokoll. "Ich weiß, mein alter Herr hat sie nicht umgebracht, weil ich bei ihm war, als es geschah.". Zitiert nach: Patrick Quinn: James Ellroy - The 'Demon Dog' of Crime Writing. Unter:
http://crimemagazine.com/CrimeBooks/ellroy.htm
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(4) Louis B. Hobson: Author D.O.W.N. on the L.A.P.D.. In: Calgary Sun, 07.10.1997, zitiert nach
http://www.canoe.ca/JamBooksFeatures/ellroy_james.html.
Der Artikel ist leider nicht mehr online.
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(5) Zitiert nach: Dwight Garner: Too little, too noir. Unter:
http://archive.salon.com/sept97/entertainment/la970919.html
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(6) Bruce Kirkland: Confidential Source. In: Toronto Star, 01. 03. 1998; zitiert nach
http://www.canoe.ca/JamBooksFeatures/ellroy_james.html.
Der Artikel ist mittlerweile offline.
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(7) Paul Duncan: Call Me Dog. In:
http://www.crimetime.co.uk/interviews/ellroy01.php.
Mittlerweile offline (Das Zitat selbst befand sich auf Seite 2 des Artikels).
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(8) Zitiert nach Michael Remke: "Mann gegen Mann". Genre-Bilder aus den USA: Schwärzer kann kein Krimi sein. James Ellroy schreibt die Geschichte Amerikas im Wort-Stakkato. Welt am Sonntag, 17.10.2001. Der Text war im Internet veröffentlicht unter http://www.welt.de/daten/2001/10/07/1007lw287034.htx, ist aber nicht mehr online.
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(9) Robert Birnbaum: James Ellroy. L.A. Confidential author talks with Robert Birnbaum. Unter:
http://www.identitytheory.com/people/birnbaum13.html
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(10) Ebd.
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(11) Holger Kreitling: Böse weiße Männer. Eine Begegnung mit James Ellroy und seinem Hund Dudley. In: Die Welt, 29.09.2001. Im Internet unter
http://www.welt.de/print-welt/article478608/Boese_weisse_Maenner.html
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(12) Paul Duncan, vgl. Anm. 7. Das Zitat findet sich auf der dritten Seite des Artikels.
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(13) Patrick Quin, vgl. Anm. 3.
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(14) Interview mit Laura Miller, unter
http://www.salon.com/dec96/interview961209.html.
Das Zitat findet sich auf Seite 2 des Interviews
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(15) Den Time-Chat mit James Ellroy kann man nachlesen unter
http://www.time.com/time/community/transcript.html
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(16) »White Jazz« ist zuerst in England erschienen.
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(17) »Hollywood Nocturnes« und »Dick Contino's Blues« sind nicht ganz identisch: Erstere Ausgabe enthält zusätzlich noch die Erzählungen »Out of the Past« und »Torch Number«.
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(18) Eine britische Ausgabe war bereits für Oktober 2003 angekündigt und geistert immer noch durch diverse Ellroy-Bibliographien. Tatsächlich ist die Anthologie aber erst im Herbst 2004 erschienen.
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(19) Enthält die Lloyd-Hopkins-Romane »Blood on the Moon«, »Because the Night«, und »Suicide Hill«.
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(20) Enthält »The Big Nowhere«, »L.A. Confidential« und »White jazz«.
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