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Fred Vargas

 

Macht sie so weiter wie bisher, könnte Fred Vargas als eine der erfolgreichsten "Amateur-Autorinnen" in die Geschichte der Kriminalliteratur eingehen: Selbst nach acht bei Kritik und Publikum sehr erfolgreichen Romanen hat die Französin ihren bürgerlichen Beruf - die Archäologie, genauer: die Archäo-Zoologie - noch nicht an den Nagel gehängt. Ihren Texten sind nur die freien Stunden und die Ferienwochen vorbehalten, zur Entspannung, wie Vargas sagt.

Mit Geschichte kennt sich Fred Vargas aus, besonders der Geschichte des Mittelalters, auf die sie sich in ihrer Arbeit spezialisiert hat. Es überrascht also nicht, dass auch in ihren Romanen vielfach geschichtskundige Figuren auftreten. Auch formal haben Vargas' Texte Ähnlichkeiten mit ihrer Arbeitsweise als Archäologin: Behutsam, wie bei einer Ausgrabung, wird die Wahrheit langsam freigelegt.

Überhaupt kommt die kriminelle Verwicklung in ihren Romanen nur an letzter Stelle. "Ein Buch", so Vargas, "ist auch eine musikalische Konstruktion.". Zuerst ein paar Ideen -blaue Kreidekreise, die mysteriöse Gegenstände umschließen, ein Baum, der über Nacht gewachsen zu sein scheint -, dann die Charaktere und als Letztes die kriminelle Verwicklung, die das Paket zusammenhält.

Vargas' Romane sind nicht wirklich Serien-Romane, auch wenn einige Charaktere in mehreren Büchern auftauchen: Jean-Baptiste Adamsberg etwa, Kommissar im 13. Pariser Arrondissement (und früher Polizist im 5. Bezirk, wie wir später veröffentlichten Kurzgeschichten entnehmen können, die in der Zeit vor dem ersten Adamsberg-Roman »L'Homme aux cercles bleus« von 1991 spielen). Louis Kehlweiler, genannt der "Deutsche", pensionierter Ermittlungsbeamte des Innenministeriums und Krötenliebhaber, oder auch die "drei Evangelisten" Matthias, Marc und Lucien. Vargas verzichtet darauf, ihren Figuren zuviel private Tiefe zu verleihen, denn den Kriminalroman will sie eher mit der griechischen Tragödie verglichen wissen, mit Katharsis: Denn "ob sich ein Paar nun ansäuselt oder anschreit, beides ist doch ziemlich gewöhnlich.". Die Figuren erfüllen für sie eine "heroische Mission".

Vargas beschreibt in ihren Romanen nicht das außergewöhnliche Verbrechen, sondern den Einbruch des Unheimlichen ins Alltägliche. Gerne spielt sie mit Motiven, die als Urängste in der kollektiven Vorstellungswelt verankert sind. Gewalttätigkeit ist ihre Sache nicht - bevor die Krimi-Autorin ins Kino geht, vergewissert sie sich, dass sie nicht mit blutrünstigen Szenen konfrontiert wird. Bei ihrer Lektüre indes darf es etwas deftiger werden: Hammett liest Vargas gerne, unter den zeitgenössischen Krimi-Autoren benennt sie James Crumley als einen ihrer Favoriten.

Fred Vargas, Jahrgang 1957, ist ein Pseudonym, hinter dem Rezensenten noch lange Jahre einen männlichen Autor vermuteten. Auch heute ist von der öffentlichkeitsscheuen Erfolgsautorin nicht viel bekannt. Dass Fred Vargas ihr Pseudonym nach einer spanischen Tänzerin wählte, die Hollyowood-Diva Ava Gardner in dem Streifen »Die barfüßige Gräfin« darstellte, stimmt nur bedingt: Freds Schwester Joëlle, eine Malerin, wählte das Pseudonym tatsächlich als Verbeugung vor der Actrice - die Autorin übernahm später den Tarn-Namen der malenden Schwester, "damit's nicht zu kompliziert wird in der Familie".

Fred Vargas ist alleinerziehende Mutter, lebt in Paris, und spielt in ihrer Freizeit - so sie nicht die Tastatur einer Schreibmaschine bearbeitet - leidenschaftlich Akkordeon. Ihr Roman »Pars vite et reviens tard« wurde 2005 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet.

 

Bibliographie:
Les jeux de l'amour et de la mort
[Paris: Librairie des Champs Élysées, 1986]
1986
L'Homme aux cercles bleus
[Paris: Hermé, 1991]
1991 Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord
[Berlin: Aufbau Verlag, 2000]
Ceux qui vont mourir te saluent
[Paris: Viviane Hamy, 1994]
1994 Im Schatten des Palazzo Farnese
[Berlin: Aufbau Verlag, 2003]
Debout les morts
[Paris: Viviane Hamy, 1995]
1995 Die schöne Diva von Saint-Jacques
[Berlin: Aufbau Verlag, 1999]
Un peu plus loin sur la droite
[Paris: Viviane Hamy, 1996]
1996 Das Orakel von Port-Nicolas
[Berlin: Aufbau-Verlag, 2001]
Sans feu ni lieu
[Paris: Viviane Hamy, 1997]
1997 Der untröstliche Witwer von
Montparnasse

[Berlin: Aufbau Verlag, 1999]
L'homme à L'envers
[Paris: Viviane Hamy, 1999]
1999 Bei Einbruch der Nacht
[Berlin: Aufbau Verlag, 2000]
Les quatre fleuves
(Bande dessinée mit Edmond Baudoin)
[Paris: Viviane Hamy, 2000]
2000 Das Zeichen des Widders
[Berlin: Aufbau Verlag, 2008]
Petit traité de toutes vérités sur l'existence
(autobiographischer Essay)
[Paris: Viviane Hamy, 2001]
2001 Vom Sinn des Lebens, der Liebe und dem Aufräumen von Schränken
[Berlin: Aufbau Verlag, 2005]
Pars vite et reviens tard
[Paris: Viviane Hamy, 2001]
2001 Fliehe weit und schnell
[Berlin: Aufbau Verlag, 2003]
Coule la Seine (1)
[Paris: Viviane Hamy, 2002]
2002 Die schwarzen Wasser der Seine
[Berlin: Aufbau Verlag, 2007]
Critique de l'anxiété pure
(Essay)
[Paris: Viviane Hamy, 2003]
2003 Von der Liebe, linken Händen und der Angst vor leeren Einkaufskörben
[Berlin: Aufbau Verlag, 2013]
Sous les vents de Neptune
[Paris: Viviane Hamy, 2004]
2004 Der vierzehnte Stein
[Berlin: Aufbau Verlag, 2005]
La verité sur Cesare Battisti
(Sachbuch)
[Paris: Viviane Hamy, 2004]
2004
Dans les bois éternels
[Paris: Viviane Hamy, 2006]
2006 Die dritte Jungfrau
[Berlin: Aufbau Verlag, 2007]
Un lieu incertain
[Paris: Viviane Hamy, 2008]
2008 Der verbotene Ort
[Berlin: Aufbau Verlag, 2009]
Le marchand d'éponges
(Bande dessinée mit Edmond Baudoin)
[Paris: Librio, 2010]
2010 Die Tote im Pelzmantel
[Berlin: Aufbau Verlag, 2011]
L'Armée furieuse
[Paris: Viviane Hamy, 2011]
2011 Die Nacht des Zorns
[Berlin: Aufbau Verlag, 2012]
Temps glaciaires
[Paris: Flammarion, 2015]
2015 Das barmherzige Fallbeil
[München: Blanvalet, 2017]
[München: Limes, 2015]

 

(1) »Coule la Seine« ist eine Anthologie mit Adamsberg-Geschichten, die zwischen 1997 und 2000 in Le Monde erschienen sind, und in die Zeit zurückgreifen, in der Adamsberg noch Kommissar des 5. Arrondissements war. Zwei der Geschichten - »Salut et liberté« et »La Nuit des brutes« - sind Anfang 2004 in dem kleinen Büchlein »Salut et liberté« noch einmal separat erschienen.

 

© j.c.schmidt, 2005 - 2015

 

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