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Leichenberg 09/2019

 

kaltes Licht

Garry Disher ist eine Art literarischer Feinmechaniker. Seine Plots, die aus dem Nichts zu kommen scheinen - hier aus einer Schlangengrube unter einer Betonplatte, was fast sprichwörtlich zu verstehen ist - verästeln sich, werden komplexer und komplexer, nehmen fast beiläufige, aber hocheffektiv Nebenstränge auf, verzweigen sich und fügen sich am Ende zu einer meist erstaunlichen, wenig prognostizierbaren Lösung. So auch in Kaltes Licht (Unionsverlag, dt. von Peter Torberg), ein Roman, der zudem einen neuen Protagonisten einführt: Senior Detective Sergeant Paul Auhl, der, obschon pensioniert, sich für eine Cold-Case-Unit in Melbourne reaktivieren lässt. Auhl ist mit allen Wassern gewaschen, kennt alle noch so schmutzigen Tricks und Kniffe aller beteiligten Parteien, und ist total cool. Er haust in einer abenteuerlichen Villa, die er mit abenteuerlichen Gestalten bevölkert, die bei ihm Unterschlupf finden. Auch seine privaten Lebensverhältnisse sind zumindest ungewöhnlich. Aber cool sein heißt für Auhl nicht, dass er moralisch indolent, gar zynisch ist. Ganz im Gegenteil. Denn die Polizeiarbeit aus dem Effeff zu kennen, impliziert auch, virtuos auf ihrer Klaviatur spielen zu können, notfalls auch gegen den Geist der Gesetze. Die sind nämlich menschengemacht, also lücken- und fehlerhaft, und deswegen hin und wieder dem Geist der Gerechtigkeit nicht wirklich verpflichtet. Zumindest so, wie Auhl diesen Geist versteht. Und wenn sich ein Ekelpaket, in diesem Fall u.a. ein mörderischer Arzt, glaubt, vom Haken schwatzen zu können, schiebt Auhl dem einen Riegel vor. Still, total cool und nicht verhandelbar. »Kaltes Licht« ist ein extrem souveräner Roman.

Der die Träume hört

Nizar Benali ist Privatdetektiv für Cyber-Crimes. Davon, meistens geht es um Cybermobbing, kann er recht und schlecht leben, ein fetter Auftrag könnte ihm Luft verschaffen: Er soll einen Darknet-Dealer finden, der eine hochgefährliche Designer-Droge namens Mephedron vertreibt, an dessen Folgen der Sohn des Klienten gestorben war. Kompliziert wird es, als Nizar Benali aus heiterem Himmel mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er einen siebzehnjährigen Sohn hat, von dessen Existenz er bisher nichts wusste. Dieser Sohn ist auf dem besten Weg in eine kriminelle Karriere als Straßendealer und hat zudem zwanzigtausend Euro Schulden bei einem eher unangenehmen Gangster. Ein klassisches Setting für einen klassischen Privatdetektiv-Roman, in dem es weniger um Fall und Aufklärung geht, sondern ums Überleben auf den Straßen der Städte.
      In Selim Özdogans Der die Träume hört (Nautilus) dominiert allerdings diese Plotschiene nicht. Der Kölner Autor gräbt tiefer und entwirft anhand von Nizar Benalis Leben eine Biographie von Menschen aus der dritten Immigranten-Generation, die nach oben wollen. Oder besser raus aus den Wohnhöllen der Trabantenstädte, hier aus dem fiktiven "Westmarkt", irgendwo zwischen Rhein und Ruhr. Kriminalität ist überall, erfolgreiches Dealen eine Möglichkeit nach oben zu kommen - oder in den Knast, wie Benalis Ziehbruder Kamber. So etwas wie Orientierung gibt höchstens die Musik, Rap und Hip-Hop, weshalb auch Nazirs Biographie eine Art musikalischer Biographie ist und den Soundtrack des Buches vorgibt. Und Rückhalt sucht man bei der Familie, in Nizars Fall bei seiner türkischen Pflegemutter. Falls man eine eigene Familie hat. Nizar selbst ist der uneheliche Sohn einer tunesischen Mutter und hatte einfach nur Glück, in Sevgi eine gütige Pflegemutter gefunden zu haben. Deswegen fühlt er sich auch seinem Sohn verpflichtet, wegen dem er riskante Manöver machen muss, die ihn wieder in die Milieus zu ziehen droht, denen er entkommen zu sein glaubt. Der die Träume hört ist ein Roman, der mit Genremitteln eine Lebenswirklichkeit erzählt, die anders wohl kaum zu erzählen wäre.
      Der Roman ist fast eine Art "Anti-4-Blocks", nichts wird überhöht, nichts kommt nachahmenswert rüber, nichts ist cool, schick oder aufregend. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die von der restlichen Gesellschaft abgehängt ist, ihre eigenen Regeln und Rituale hat, wie fragwürdig die auch sein mögen. Die Aufstiegsversprechen glitzern verführerisch, aber sie gelten bei weitem nicht für alle. Wenn "Integration" oder Teilhabe als Möglichkeit für ganze Bevölkerungsgruppen systemisch verbaut ist, hat die ganze Gesellschaft ein Problem.
      »Der die Träume hört« überschreitet manchmal seine narrativen Grenzen und gerät gefährlich in die Nähe von Gedankenprosa und Diskursroman. Aber die Intensität von Özdogans Prosa, die manchmal kataraktartig daherkommt und ein feines Feeling für gesprochene Sprache hat, bewahrt ihn weitgehend vor dieser Falle.

Morduntersuchungskommission

Das große Thema von Max Annas ist der Umgang von Gesellschaften mit "den Anderen", sei's in Südafrika, in der Bundesrepublik, und jetzt, sozusagen als historisches Unterfutter, in der DDR. Morduntersuchungskommission (Rowohlt) spielt im Spätherbst 1983 in der Umgebung von Jena. Ein Arbeiter aus Mozambik wird grausam ermordet. Die "Organe" des Staates haben ein Problem: Eigentlich sollte es im "Realsozialismus" überhaupt keine Verbrechen mehr geben, weil die Verhältnisse ideal sind und höchstens individuelles Versagen oder Sabotage die Kriminalpolizei auf den Plan rufen kann. Schlimmer noch: Ein Bürger eines sozialistischen Bruderlandes ist zu Tode gekommen, die Motive weisen auf einen fremdenfeindlichen, rassistischen, gar neonazistischen Hintergrund hin. Und so etwas darf im antifaschistisch-internationalistischen Musterstaat gar nicht existieren. Die Ermittlungen der regulären MUK werden folgerichtig von "höherer Stelle", sprich Stasi, ausgebremst. Nur Oberleutnant Castorp mag sich an diese Direktive nicht halten und beginnt immer frustrierter auf eigene Faust zu ermitteln. Max Annas zeichnet eine DDR, unter deren bieder-betulicher Oberfläche schon längst gärt, womit wir auch heute noch nicht fertig sind: Eine heuchlerische offizielle Politik gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und eine stumpfe, latent xenophobe und rassistischen Stimmung, die den deutschen Kontinuitäten entspricht. Deswegen ist dieser historische Kriminalroman ein aktueller Kriminalroman. Annas macht einen spannenden, fast klassischen Whodunnit daraus, der auf allen Ebenen toxisch ist.

Man nannte ihn El Niño de Hollywood

Die Mara Salvatrucha-13, kurz MS 13, ist eine extrem gewalttätige, extrem mächtige Gang aus El Salvador, die nicht nur in Mittelamerika tätig ist, sondern längst auch Städte in den USA als Reviere auserkoren hat. Oder - böse gesagt: Die US-amerikanische Mittelamerika-Politik der 80er Jahre, die El Salvador endgültig in ein Schlachthaus verwandelt hatte, hat die Mara Salvatrucha erst generiert, in den einschlägigen Barrios von L.A. groß werden lassen, dann nach El Salvador zurück exportiert, von wo aus sie mächtiger und gewalttätiger denn je wieder in den Norden aufgebrochen ist und immer noch Mittelamerika verwüstet, im engen Schulterschluss der Gangallianz El Sur (dazu gehören u.a. auch mexikanische Gangs), die wiederum in US-amerikanischen Gefängnissen entstanden ist. Óscar Martínez (Investigativ-Journalist, auch bei uns mit "Eine Geschichte der Gewalt" bekannt) und Juan José Martínez (Anthropologe) haben die Genese und die Geschichte der MS-13 anhand der Biographie von Miguel Ángel Tobar alias El Niño de Hollywood rekonstruiert: Man nannte ihn El Niño de Hollywood. Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha (Kunstmann, Dt. von Hans-Joachim Hartstein). Tobar war ein eminent produktiver Killer im Auftrag der MS-13, versuchte sich später aus dem Geschäft zurückzuziehen, was er nicht überlebte. Seine Biographie, seine Gewalt-Sozialisation kann für tausende andere stehen, trotzdem bleibt sie aber auch ein Einzelschicksal, daran lassen die Autoren keinen Zweifel. Gangs gelten ja gerne, vor allem in populären und spektakulären Narrativen als gesichtslose Organismen. Dem ist natürlich nicht so, sie bestehen aus Menschen mit Biographien und Schicksalen. Gangs fallen auch nicht vom Himmel, sondern sind die Produkte von Armut, Ausbeutung und Gewalt. Sie sind zunächst aus der Not geborene, reaktive Systeme, bis sie begreifen, dass man selbst möglicherweise durch dieselben Mittel (exzessive Gewalt, die sie von US-amerikanischen Ausbilder gelernt hatten - an dieser Stelle räumen die Autoren auch mit der Mär der wilden, anscheinend genetischen lateinamerikanischen Blutrünstigkeit auf), die die offizielle Politik benutzt, immerhin zu temporärem Reichtum und Ansehen kommen kann. Dann werden sie zum Movens von Gesellschaft, durchaus, je nach realpolitischer Großwetterlage, auch im zeitweiligen Schulterschluss mit verschiedenen Hegemonialmächten. Die MS-13 ist kein exotischer Aspekt der nord- und mittelamerikanischen Realität (als ob man die mit einer Mauer voneinander trennen könnte), sondern ein konstitutiver Teil dieser Realität.
      Das Buch basiert auf langen, über Jahre hinweg entstandenen Gesprächen mit Tobar und anderen Beteiligten: Gangmitgliedern, Polizisten, Journalisten etc., die dann zu einem multikomplexen, aber jederzeit spannend zu lesenden Text zusammengebaut wurden, natürlich durch die Recherchen der Autoren und einem Ansatz gestützt, der möglichst viele realpolitischen Kontexte und Fakten aufruft. Eine Menge Erkenntnisgewinn garantiert, auch wenn man sich schon ein bisschen in der Gegend auskennt.

Ich ging in die Dunkelheit

"True Crime" ist in den letzten Jahren zu einem immer beliebteren Subgenre geworden. Es verspricht Authentizität und Echtgrusel, seine Lieblingsfigur ist der Serialkiller. "True Crime" gibt der Mörderjagd Sinn und Konsistenz, üblicherweise. "True Crime" pocht auf Faktizität, simuliert objektive "Authentizität" und bedient sich dabei Verfahren fiktionalen Erzählens. Ich ging in die Dunkelheit von Michelle McNamara (Atrium, dt. von Eva Kemper) bricht nur anscheinend aus diesem Muster aus. Die Autorin ist 2016, vor Fertigstellung des Buches, gestorben, zwei Kollegen haben 2017 die lückenhaften Teile des Manuskripts ergänzt. Das Objekt des Interesses, der sogenannte "Golden State Killer", Joseph James DeAngelo wurde 2018 verhaftet. Bis dahin hatte er seit den 1970er Jahren zwölf Menschen ermordet und über fünfzig Frauen vergewaltigt. Seine eifrigste Jägerin war die Bloggerin McNamara, die obsessiv versuchte, das Versagen der Polizei auszugleichen. Was nicht gelingt. Insofern ist ihr Buch ein Dokument des Scheiterns, der Sackgassen und Irrwege, die aber keinesfalls vom Prinzip der "Sinnstiftung" abrücken. Mit durchaus problematischen Aspekten. In ihrem Furor ohne Auftrag und Amt scannt McNamara tausende unschuldige und unbeteiligte Menschen, dringt in ihr Privatleben ein, legt Dossiers an, ohne dieses Tun zu reflektieren - im Gegenteil, Bürgerrechte und Datenschutz erscheinen ihr als lästig, wenn es gilt, das "Monster" zu erlegen, das deswegen auch schön monsterhaft aufgebaut wird. Ein sehr unbehaglicher Fall von "moral panic" also. Kriminalnarrative sind nie unschuldig, solche, die mit der realen Realität herumspielen, schon gar nicht.

Roter Hunger

Apropos Realität: "Das Studium der Hungersnot hilft dabei, die heutige Ukraine zu erklären", schreibt die Historikerin und Journalistin Anne Applebaum in ihrem magistralen Werk Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine (Siedler, dt. von Martin Richter). Der "Rote Hunger", das war der "Holodomor" besonders in den Jahren 1932/1933, dem ca. vier Millionen Menschen in der Ukraine zum Opfer fielen. Applebaums differenzierte Studie geht historisch zurück bis in die Zarenzeit, in der das Narrativ entstand, die Ukraine sei keine selbständige politische und kulturelle Einheit, sondern lediglich ein Anhängsel des großrussischen Reiches. Und als solches immer ein Unruheherd, weil die Ukraine im Fokus ausländischer, besonders polnischer Begehrlichkeiten lag und einerseits als primitiv und rückständig, andererseits als aufrührerisch, nationalistisch und rebellisch erschien. Die zaristische Politik der "Russifizierung" wurde nach der Revolution von der Sowjetunion kontinuierlich weitergeführt, zumal im russischen Bürgerkrieg die "Weißen" in der Ukraine zunächst große Erfolge erzielen konnten. Regionale Warlords wie Nestor Machno und andere fütterten Moskaus Misstrauen gegenüber der Region. Aber alle diese Konflikte konnte man auf einen Punkt konzentrieren: Getreide. Weil die sowjetische Landwirtschaftspolitik (Stichwort: Kollektivierung) wenig effizient war und, auch noch durch Dürren und Missernten verschärft, begann, in einer ersten Terrorwelle schon in den 1920er Jahren die brutale Ausplünderung der ukrainischen Agrarpolitik, die Hundertausenden von Menschen das Leben kostete. 1932/1933, also im großen Kontext der stalinistischen "Säuberungen", schlug der Terror dann vollends zu: Es ging nicht mehr nur um die Ressource Getreide, sondern auch um das Brechen ukrainischer Identität auf allen Ebenen - kulturell, politisch, wirtschaftlich. Und es ging um das große Vertuschen, das von den westlichen Mächten nicht wesentlich behindert wurde. Man wollte sich aus verschiedenen Gründen nicht mit der Sowjetunion anlegen, Geopolitik - so verquer sie auch im Einzelfall verstanden wurde - erschien wichtiger als eine lokale humanitäre Katastrophe. Und Applebaum hört auch heute noch von der russischen Regierung (für die der Holodomor immer noch eine No-Go-Area ist) "Echos von Stalins Furcht vor der Ukraine" und das Großnarrativ, eine allzu souveräne, sprich europäisch orientierte Ukraine bedrohe russische Interessen. Diese Klammer macht Applebaums Buch so aktuell. Brillant geschrieben, brillant recherchiert und keinesfalls problemblind (gerade was die Rolle des Antisemitismus auf beiden Seiten angeht) macht es zu einer notwendigen Lektüre zum Verständnis dessen, um was es gerade geht auf diesem Planeten.
      PS: Background auch für alle möglichen fiktionalen Werklein, in denen "ukrainische Gangster" als besonders üble Vertreter des "Bösen" auftreten, wenn's nicht gerade die "Russenmafia" ist. Oder die Tetschenen oder die Kolumbianer oder die Triaden oder die Serben usw… by the way sollte man wirklich mal das Ethno-Casting von Crime Fiction ein bisschen genauer anschauen.

Der Sprengsatz

Die Romane von Nicholas Searle haben etwas seltsam verwirrend Fragmentarisches, Unaufgelöstes, letztlich nicht "Auserzähltes" - das ist eine hohe Qualität. So auch Der Sprengsatz (Kindler, dt. von Jan Schönherr), eine auf den ersten Blick konventionelle Geheimdienst-Geschichte: Ein V-Mann des MI5-Agentenführers Jake Winter läuft anscheinend aus dem Ruder und zündet eine Bombe in einem bevölkerten englischen Bahnhof. Unklar, ob dieser V-Mann, der eigentlich einen Testlauf absolvieren sollte, wusste, dass er echten Sprengstoff bei sich getragen hatte. Unklar auch, ob der V-Mann nicht von seinen Zielpersonen manipuliert worden war oder ob er als Doppelagent fungierte. Winter jedenfalls soll von einem Untersuchungsausschuss als Sündenbock hingehängt werden. Dumm nur, dass er einen zweiten Mann in die vermutete islamistische Terrorzelle eingeschleust hatte, der ohne seine Führung die Mission abbrechen würde. Ein zweiter Anschlag, diesmal auf das Spiel Man City vs Real Madrid, wird vorbereitet, die Ausgangskonstellation wiederholt sich. Winter wird weiter diskreditiert, seine Arbeit am Ende sabotiert. Searle erzählt diese verzwickte Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, auch in Andeutungen und vagen Gedankengängen der politische Verantwortlichen, die sich um nichts anderes kümmern als um ihr Standing in der Öffentlichkeit. Ein byzantinisches Labyrinth aus Intrigen, Gegen- und Parallelintrigen eröffnet sich, in dem "moralische Werte" verschwinden wie in einem schwarzen Loch. Searles spröde, sich lobenswert hartnäckig aller Erklärungen enthaltende Prosa, generiert vor allem Verunsicherung. Brillant.

Keiner verliert allein

Die Welt (und insbesondere Berlin) ist eine recht inkonsistente Gegend. Diesen Umstand vergnüglich zu inszenieren, ist die Spezialität von Gerd Zahner, wie sein zweiter Roman um den, milde gesagt, exzentrischen Kommissar Goster zeigt: Keiner verliert allein (:transit). Gegen die Mysterien, mit denen Goster zu tun hat, hat Realismus keine Chance, deswegen kommen sie vermutlich so realistisch rüber. Es explodieren Meth-Küchen en masse, Drogen aus dem Rezeptbuch der Nazis ("Führer", "Panzerschokolade") überschwemmen den Markt, Tote laufen plötzlich wieder herum, Blutströme können auch Kunst sein, und Entmietungsstrategien sind nun mal perfide. Mitten drin Goster, in philosophische Gespräche mit seiner Putzfrau Ayse versponnen und hoffnungslos verliebt in seine Kollegin H., der seiner sehr eigenen Auffassung von Polizeiarbeit nachgeht. Zahner arbeitet mit schnellen Schnitten, mit Vignetten und Miniaturen, mit eigenwillig, originellen Dialogen und durchweg leicht bizarrem Personal. 142 Seiten hochkonzentrierte Prosa, die diesen Namen auch verdient, sperrig gegen kuschelig-gefühlige Identifikationslektüre, aber mit intellektuellem Identifikationspotential. Das ist klug und weise, sehr humanistisch und gleichzeitig sehr tricky.

Die schwarze Fee

Voll auf der Volker-Kutscher-Berlin-Babylon-Welle surft auch Kerstin Ehmers zweiter Roman um Kommissar Ariel Spiro: Die schwarze Fee (Pendragon). Immer wieder die gleichen Papp-Kulissen des 20er Jahre Berlins, Bild für Bild bekannt - von Zille, von Filmen wie "Kuhle Wampe" und "Menschen am Sonntag" und allen anderen einschlägigen Narrativen der Zeit. Alles tipptopp erklärt, wie im Schulfunk. Geschichtsunterricht, verpackt in Surrogate, Berlin als Theme Park, das nervt unendlich. Dabei ist Kerstin Ehmer möglicherweise sogar die bessere Schriftstellerin als Kutscher, zumindest ihre Dialoge und ein paar kleinen Szenen haben originellen Witz. Die Story vom Rachefeldzug der Kommunisten gegen die Reste der Machno-Anhänger ist eher durchschaubar (so unbekannt sind Nestor Machno und seine ukrainischen Anarchisten nun auch nicht, dass man da groß "oh, Überraschung" rufen würde, siehe unten), aber wirklich unverzeihlich sind Situationen wie diese: Ein junger Mann wird gefoltert, tagelang geschlagen, getreten, an Seilen aufgehängt. Und was tut er, wenn er mal kurz wach wird? In fehlerfreien, ganzen Sätzen hält er Vorlesungen über das Verhältnis von Kommunismus und Anarchismus, steif und lehrbuchtauglich. Ähnliche Rhetorik bringt ein von der Syphilis im Endstadium verwesender Tschekist fertig, der ansonsten eher röchelt. Was um Himmels Willen will uns da wer erzählen? Wenn das das berühmte "den Leser abholen ist", möchte ich bitte stehengelassen werden.

Ticonderoga

Eine wunderschöne Edition (avant-verlag, dt. von André Höchemer und Myriam Alfano) macht ein Frühwerk des italienischen Comic-Genies Hugo Pratt (1927 - 1995) wieder zugängig: Ticonderoga, eine Serie die Pratt in seiner argentinischen Zeit zusammen mit dem nicht minder genialen Szenaristen Héctor Gérman Oesterheld (der mit Alberto Breccia den Jahrhundertcomic "Eternauta" erfunden hatte) entwickelt hat und die in den Jahren 1957 bis 1959 Maßstäbe für das Subgenre "Abenteuer/Western"-Comic gesetzt hat. »Ticonderoga« spielt in den Jahren 1755 ff., also zur Zeit des britisch-französischen Konflikts um die nordamerikanischen Kolonien in Kanada und rund um die Großen Seen. Ein Konflikt, den man später auch gerne im Zusammenhang des Siebenjährigen Kriegs interpretierte, bei dem es ja nicht nur um Preußen vs Österreich ging, sondern eben auch um die globale, kolonialistische Hegemonie (Indien, Karibik), die zwischen England und Frankreich ausgekämpft wurde. Das ist klassischer James Fenimore Cooper-Stoff, und die Bildwelten, die Pratt schuf, scheinen später besonders vor allem wieder in Michael Mann's Verfilmung des "Letzten Mohikaners" wieder auf. Joe "Ticonderoga" Flint, der britische Kadett Caleb Lee und der geheimnisvolle Numokh bilden ein Jungs-Trio, das sich unverdrossen durch die Kriegswirren schlägt, in denen Koalitionen und Loyalitäten schnell wechseln, aber auch Begriffe wie Ehre, Stolz und Freundschaft einen hohen Wert haben. Die indigenen Völker der Gegend werden von beiden Kolonialmächten in den Konflikt hineingezogen und funktionalisiert, das konstatiert der Comic immer wieder und durchaus nicht unkritisch. Und er thematisiert offen die "asymmetrische" Kriegsführung (besonders die Episode: "Der Veteran"), der die europäisch ausgebildeten Truppen hilflos gegenüberstanden, eine Erfahrung, die einerseits den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg denkbar werden ließ (ein gewisser Colonel Washington treibt sich hin und wieder in der Handlung rum) und andererseits eine Echo der Entkolonialisierungskonflikte nach dem 2. Weltkrieg reflektiert. Das ist durchaus plausibel, weil die Szenarien von Héctor Gérman Oesterheld schon immer etwas gespenstisch Visionäres an sich hatten, siehe "Eternauta" - er wurde dann später, 1970, von den Militärs ermordet, als er sich während der Diktatur dem Widerstand angeschlossen hatte. Spannend auch, Hugo Pratts Prä-Corto-Maltese-Arbeit zu beobachten, die Edition bietet erfreulich viel Material dazu an, Detailstudien, die zeigen, wie sehr er sich mit den historischen Kontexten beschäftigt hat, wobei seine Sympathien ganz klar auf Seiten der indigenen Kulturen lagen. Obwohl die Originalausgaben von scheußlicher Qualität waren (dazu gibt es hier einen wunderbaren Aufsatz von José Muñoz, einem anderen Großen der argentinischen Comic-Szene) und der avant-verlag die Schwierigkeiten einer verworrenen Editionsgeschichte diskutiert, kann man das künstlerische Format seiner s/w-Bilder leicht erkennen, auch wenn die Echos von Großguru Alberto Breccia noch deutlich zu erkennen sind. Aber vor allem funktionieren die Geschichten, die erzählt werden, noch immer sehr gut. Action, Dramatik, Tragik, Spannung, Natur - all das bietet Ticonderoga galore. Jungslektüre? Mir doch egal, großartig auf jeden Fall.

Emil, der hilfreiche Tintenfisch

Wenn schon "Tierkrimi", dann aber richtig - so wie Emil, der hilfreiche Tintenfisch von Tomi Ungerer (Diogenes, dt. von Anna Cramer-Klett), ein Bilderbuch-Klassiker des Labels avant-le-lettre aus dem Jahr 1960. Emil rettet dem berühmten Tiefseetaucher Samofar das Leben, gerät unter die Menschen, schläft in einer Badewanne mit Salzwasser, arbeitet als virtuoser Multiinstrumentalist, Schwimmlehrer und Rettungsschwimmer und kann besonders als Verwandlungskünstler (Top Act: der Schaukelstuhl) beeindrucken, bei solchen Jobs sind Oktopoden klar im Vorteil. Bis er eines Tages mit einer bis an die Zähne bewaffneten Schmugglerbande aneinandergerät, nicht gut für die Strolche... Das ist witzig, auf den Punkt erzählt und gemalt, elegant und unendlich charmant. Mein Held des Monats.

Der Fall in Singapur

Es hat ja schon was von "ceterum censeo...": Ross Thomas-Romane sind immer noch prächtig funktionierende Korrektive zu sehr vielem, was gerade so gehypt wird im Sumpf der bestsellernden Belanglosigkeiten. Selbst wenn Der Fall in Singapur (Alexander Verlag, dt. von Wilm W. Elwenspoek, bearb. von Jana Frey und Gisbert Haefs) aus dem Jahr 1969 stammt. Die Geschichte vom Ex-Stuntman Cauthorne, der vielleicht versehentlich einen Kollegen umgebracht hat, und dessen schlechtes Gewissen von einer fiesen Herde von Mafiosi und anderen Gangstern funktionalisiert werden soll, ist ein großartiges Exerzitium in tückischem Denken, scharfsinnigem Blick auf Welt (vor allem, was die Dialektik von Organisiertem Verbrechen und Politik angeht) und exzentrischen Figuren, die so plausibel erscheinen. Dazu die Lakonik der Dialoge, die von Thomas perfektionierte "Ästhetik der Beschreibung" und die böse Komik auf allen Ebenen setzten Standards. Und sollten es weiterhin tun. Relaunches sind nicht immer sinnvoll und verstopfen oft Programmplätze, die man für innovative Titel nutzen könnte, wenn man sich denn traute. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Ross-Thomas-Ausgabe.

 

© Thomas Wörtche, 2019

 

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