Leonardo Padura hat den literarischen Kriminalroman im zeitgenössischen Kuba begründet. In zahlreiche Sprachen übersetzt, mit vielen Preisen ausgezeichnet, erscheint sein »Havanna-Quartett« nun auch auf Deutsch. Im März 2001 berichtete Leonardo Padura bei einer Lesung in Toulouse über die Hintergründe, die dieses Werk möglich machten.
»Das perfekte Leben« ist der erste Roman einer Tetralogie, deren Held ein
Polizist namens Mario Conde ist. Ich habe diesen Roman zwischen 1990 und 1991
geschrieben. Das war eine der schwierigsten und konfusesten Zeiten in Kuba. Die
Mauer war gefallen, die UdSSR war am Auseinanderbrechen, die kubanische
Wirtschaft war in die Krise geraten... Krisen, nichts als Krisen. Und zwei Jahre
zuvor war etwas geschehen, das unseren Blick auf die kubanische Wirklichkeit
verändert hatte: Eine Gruppe hoher Militärs und Funktionäre des
Innenministeriums war verurteilt worden, vier von ihnen wurden wegen
Drogenschmuggels erschossen. All dies führte dazu, dass wir uns selbst und
unser Bild vom Prozess der Revolution in Kuba überdenken mussten.
Eine der sichtbarsten Folgen ereignete sich in der Literatur oder, allgemeiner,
in der kubanischen Kultur. Während vieler Jahre hatte sie sich sehr stark die
offizielle Sichtweise zu eigen gemacht. Das Kulturschaffen hatte die Politik
des Landes zu reflektieren. Wir Schriftsteller und Künstler wollten zwar die
Wirklichkeit aus anderen Perspektiven betrachten, aber das war sehr schwierig,
weil alle kulturellen Spielräume vom Staat kontrolliert waren.
Der neue Blick
Durch die Krise, die Anfang der Neunzigerjahre begann, wurde das kubanische
Kulturschaffen fast vollständig paralysiert. Für unsere Freunde vom Film war
das ein Drama, weil sie nicht mehr drehen konnten, aber für die bildenden
Künste und die Literatur begann eine neue Periode. Denn zum ersten Mal gab es
Distanz zwischen den Künstlern und dem Staat. Weil der Staat die Künstler nicht
mehr im gleichen Maße fördern konnte, blieben Stücke unaufgeführt und Bücher
unveröffentlicht. Diese Distanz verwandelte sich in einen Raum der Freiheit.
Ganz spontan gingen wir denselben Weg. Bald erschien uns dieser neue Blick auf
die kubanische Wirklichkeit als Notwendigkeit. Die simple Tatsache, dass wir
nun die Realität auf realistische Weise darstellten, brachte Werke hervor, die
früher als konterrevolutionär angesehen worden wären. Die Welt der kubanischen
Literatur begann sich zu drehen.
Zuvor war es den kubanischen Autoren praktisch verboten, außerhalb ihres Landes
zu veröffentlichen. Natürlich wurden unsere Bücher im Ostblock publiziert. Aber
niemandem kam es in den Sinn, sein Manuskript in einen Umschlag zu stecken und
es an einen Verlag in Spanien zu schicken, ohne dafür eine offizielle
Genehmigung zu haben. Unter anderem, weil wir für den Staat arbeiteten; damals
war der Staat der einzige Arbeitgeber in Kuba. Probleme hätten schwere Folgen
haben können, erst recht, wenn dahinter ideologische Gründe standen.
Der Tritt in den Ameisenhaufen
Als die kubanischen Verlage die Publikation einstellten, war das wie ein Tritt
in einen Ameisenhaufen: Alle Ameisen kommen heraus und krabbeln in alle
Richtungen davon. Die kubanischen Autoren fingen an, ihre Werke an Wettbewerbe
in der ganzen Welt zu schicken, und sie gewannen auch Wettbewerbe. Von nun an
suchten und fanden die kubanischen Autoren Verlage außerhalb Kubas. Die
Entwicklung war unumkehrbar. Einige Jahre früher wäre die offizielle Reaktion
noch heftig gewesen, jetzt war nur noch Resignation möglich.
Aber die Dinge sind komplizierter: Einige von uns suchten ausländische Verlage,
andere Kulturschaffende aber gingen ganz ins Ausland. Es entstand ein
bedeutendes Exil. Zum ersten Mal begann das Bild einer einheitlichen
kubanischen Kultur, das wir hatten, sich aufzulösen. Es gab zwar das
historische Vorbild der Exilkubaner, die in den ersten Jahren der Revolution
gingen, aber zum ersten Mal war es nun eine massive Bewegung.
In den Werken, die nun geschrieben wurden, begannen wir, ein ernüchtertes Bild
der kubanischen Realität zu zeichnen. Ich glaube, dass meine vier Romane aus
den Neunzigerjahren eine Folge dieses neuen Blicks sind.
Wer »Ein perfektes Leben« liest, findet auf den drei ersten Seiten etwas, das
früher in der kubanischen Kriminalliteratur niemals möglich gewesen wäre.
Die Hauptperson erwacht nach einem fürchterlichen Besäufnis, und alles, was sie
kümmert, ist die Frage, ob sie es bis zur Toilette schafft, um zu pissen. Und
in der Folge erleben wir, dass die Bösen in diesem Roman hohe kubanische
Funktionäre sind, einer davon sogar im Rang eines Vizeministers.
Weil es 1991 war und ich nicht wusste, wie die Dinge sich entwickeln würden,
habe ich beschlossen, macchiavellistisch zu sein. Ich habe den Roman bei einem
Wettbewerb des Innenministeriums eingereicht, und noch nie ist mir in meinem
Leben etwas so gut gelungen. Die Mitglieder der Jury, die Schriftsteller waren,
sehr offizielle zwar, aber dennoch Schriftsteller, sagten, dass es der beste
Roman im Wettbewerb war. Aber die Organisatoren entschieden, ihn nicht zu
veröffentlichen.
Niemand fragte mich mehr
Doch die Zeiten hatten sich bereits verändert, es geschah etwas sehr
Bezeichnendes: Niemand fragte mich mehr, weshalb ich diesen Roman geschrieben
hatte. Also habe ich ihn nach Mexiko geschickt. Das war gewissermaßen meine Art
zu sagen: Ich habe dieses Buch geschrieben, ich weiß, dass ihr es nicht
veröffentlichen werdet, aber da ihr mich auch nicht gemaßregelt habt, werde ich
damit tun, was ich will. Und alles ging gut, das Buch wurde in Mexiko
veröffentlicht, in einem grässlichen Verlag, so fürchterlich, dass auf dem
Buchdeckel statt meines Namens Leonardo Pandura (»pan dura« bedeutet »hartes
Brot«) stand. Aber mir erlaubte das, meine Saga fortzuführen.
Ich möchte gern in Kuba bleiben
Und weil ich gern in Kuba bleiben möchte, bis man mich hinausjagt, falls das
geschehen sollte, habe ich bei den folgenden Romanen die Schraube angezogen und
dabei darauf geachtet, die Schraubenmutter nicht zu überdrehen. Denn ich möchte
in Kuba schreiben und meine Bücher von dort aus verbreiten. Ohne, dass meine
Literatur explizit politisch wird. Denn im Allgemeinen werden Künstler, wenn
sie anfangen, Politik zu machen, von der Politik missbraucht. Und ich habe
versucht zu verhindern, dass mir etwas Derartiges zustößt.
Jetzt habe ich aber genug gesprochen, ich möchte lieber, dass Sie mir Fragen
stellen. In Kuba ist der Monolog ja sehr verbreitet, aber ich bevorzuge den
Dialog.
© Unionsverlag, 2003
Alle Rechte vorbehalten!
Das Havanna-Quartett - Ein Jahr in Kuba
Die vier Bände im Überblick
Ein perfektes Leben
(Pasado perfecto)
Winter (entstanden 1990/91)
Teniente Mario Conde hat noch einen furchtbaren Kater von der Silvesterfeier. Doch als er trotz freien Wochenendes von seinem Chef den Auftrag erhält, ein verschwundenes hohes Tier aus der kubanischen Nomenklatura zu suchen, merkt er bald, dass es sich bei dem Verschwundenen um Rafael Morín handelt, einen Schulkollegen.
Schlagartig kommen die Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit zurück: Der Mann mit der blütenweißen Weste, der zuverlässige Genosse, war schon damals ein Musterschüler, der immer das bekam, was er wollte - auch Mario Condes Freundin Tamara. Aber in Rafael Moríns perfektem Leben gibt es ein paar verdächtige Momente, die genauer zu untersuchen sich lohnt. Dabei muss sich Mario Conde der verlorenen Liebe zu Tamara stellen - und gleichzeitig den Träumen und Illusionen seiner eigenen Generation.
Leonardo Padura: Ein perfektes Leben. (Pasado perfecto, 1991). Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Deutsche Erstausgabe. Zürich: Unionsverlag, gebunden, 286 S., 18.90 Euro (D).
Originalausgabe: Guadalajara, Mexiko: EDUG, 1991; La Habana: Ediciones Unión, 1995; Barcelona: Tusquets, 2000.
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Handel der Gefühle
(Vientos de cuaresma)
Frühling (entstanden 1992)
In den höllischen Tagen des kubanischen Frühlings kommen zusammen mit der Fastenzeit auch die heißen Südwinde. Leutnant Mario Conde, der erst vor kurzem Karina kennen gelernt hat, eine strahlend schöne Frau, die sich für Jazz und Saxofon begeistert, wird mit einer heiklen Untersuchung beauftragt. Eine junge Chemielehrerin der Schule, an der auch Conde gewesen war, wurde ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden, in der auch Spuren von Marihuana entdeckt werden. Conde dringt in eine Welt ein, die sich im Verfall befindet, wo Strebertum, Vetternwirtschaft, Drogen und Betrug blühen. Er verliebt sich leidenschaftlich in Karina, die ihm so unverhofft begegnet ist, ohne etwas vom tragischen Ausgang dieser Liebesgeschichte zu ahnen.
Leonardo Padura: Handel der Gefühle. (Vientos de cuaresma, 1994). Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Deutsche Erstausgabe. Zürich: Unionsverlag, 2004, gebunden, 254 S., 18.90 Euro (D).
Originalausgabe: La Habana: Ediciones Unión, 1994; Barcelona: Tusquets, 2001.
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Labyrinth der Masken
(Máscaras)
Sommer (entstanden 1994/95)
Im dichten Unterholz des Bosque de La Habana wird am sechsten August, am Tag, an dem die Kirche das Fest der Verklärung Jesu feiert, die Leiche eines Transvestiten gefunden, der den roten Seidenschal, mit dem er ermordet wurde, noch um den Hals trägt. Zur großen Bestürzung von Mario Conde stellt sich heraus, dass diese rot gekleidete »Frau« Alexis Arayán ist, der Sohn eines angesehenen kubanischen Diplomaten. Der exzentrische Marqués, ein Mann aus der Welt der Literatur und des Theaters, lebt als Homosexueller geächtet in einem zerfallenden Haus und scheint eine Art Heiliger und zugleich Hexenmeister zu sein, kultiviert, intelligent, listig und mit feiner Ironie begabt. Nach und nach führt er Conde in eine düstere Welt ein, in der jedermann die ganze Wahrheit über Alexis Arayán zu kennen scheint.
Leonardo Padura: Labyrinth der Masken. (Máscaras, 1997). Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Deutsche Erstausgabe. Zürich: Unionsverlag, 2005, gebunden, 269 S., 19.90 Euro (D).
Originalausgabe: La Habana: Ediciones Unión; Barcelona: Tusquets, 1997.
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Das Meer der Illusionen
(Paisaje de otoño)
Sommer (entstanden 1996/98)
In einer Herbstnacht am Chivo-Strand in Havanna entdecken Fischer eine brutal verstümmelte Leiche. Der Tote ist Miguel Forcade Mier, der nach der Revolution mit der Enteignung des Kunstbesitzes der kubanischen Bourgeoisie beauftragt war, ein Mann von enormem Einfluss mit zahllosen Feinden. 1978 war er nach Miami ins Exil gegangen. Kurz vor seiner Ermordung kehrte er nach Kuba zurück, offenbar auf der Suche nach etwas äußerst Wertvollem, von dem nur er Kenntnis hatte. Die Ermittlungen werden Mario Conde aus seiner Bahn . Kurz vor seinem sechsunddreißigsten Geburtstag fühlt er, dass ein Abschnitt seines Lebens zu Ende geht und er eine unwiderrufliche Entscheidung treffen muss.
Leonardo Padura: Das Meer der Illusionen. (Paisaje de otoño, 1998). Roman. Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Deutsche Erstausgabe. Zürich: Unionsverlag, 2005, gebunden, 284 S., 19.90 Euro (D).
Originalausgabe: México D.F.: Tusquets, 1998; Barcelona: Tusquets, 1998.